von Nabil Echchaibi
Dieser Beitrag erschien auf Englisch in der Ausgabe 2/2007 der WACC-Zeitschrift „Media Development“.
Als Edward Said 2003 gestorben war, betrauerten seine glühenden arabischen Unterstützer den Verlust eines unersetzlichen, berühmten arabischen Intellektuellen, der entschlossen die Tyrannei des Starrsinns westlicher Orientalisten und ihre imperialistische Paranoia entlarvte. Seine scharfzüngige Beschreibung, wie arabische Stimmen im westlichen Diskurses über den Mittleren Osten zum Schweigen verurteilt wurden, hat ihn zu einer viel beachteten Stimme des Widerstandes und zu einem authentischen Sprecher der arabischen Sache gemacht. Als politisch seiner Rechte beraubter Palästinenser hat sein energisches Eintreten für die Rechte der machlosen Araberinnen und Araber ihm eine beispiellose Anerkennung durch arabische Denker eingetragen, von denen die meisten wie Said Erfahrungen des physischen und intellektuellen Exils besitzen.
Fast dreißig Jahre nach der Veröffentlichung von Saids wirkungsvollstem Buch „Orientalismus“ sprechen die Araberinnen und Araber heute für sich selbst. Tatsächlich gab es schon vor den Angriffen auf den Orientalismus einen intellektuellen Widerstand, aber wie Said dargestellt hat, haben westliche Orientalisten im 18. und 19. Jahrhundert große Teile dieser Beiträge unbeachtet gelassen und für irrelevant angesehen.
Heute, so würden Said und seine Anhänger sagen, sind die neuen Orientalisten eine noch engere Allianz mit der westlichen Welt eingegangen, und ihre Mittelost-„Expertise“ wird im öffentlichen Diskurs im Westen nur selten in Zweifel gezogen.
Bernard Lewis Abhandlungen darüber, was sich in der arabischen Welt in die falsche Richtung entwickelt, Daniel Pipes heruntergespulte Kritik an den Arabern und auch Fouad Ajamis vermeintlich selbstkritische Propaganda aus einer arabischen Perspektive werden von den Architekten der Mittelostpolitik im US-Kongress und im Weißen Haus in der politischen Welt nach dem 11. September 2001 stark beachtet.
Aber im Zeitalter der Satellitenmedien und der politischen Blogs mögen dominierende Stimmen zwar weiterhin sehr wirksam sein, aber sie bleiben nicht ohne Gegenstimmen. Wer also spricht heute für die Araberinnen und Araber, und welche Kontrolle übt der Westen weiterhin über diesen Diskurs aus?
Ich möchte meine Ausführungen mit der Feststellung beginnen, dass nicht alle Darstellungen des Mittleren Ostens durch den Westen die alten Machtverhältnisse eines auf sich selbst bezogenen Orientalismus übernehmen. Wie Said selbst anerkannte, waren und sind einige westliche Intellektuelle genuin daran interessiert, die arabische Welt zu verstehen, „um die Koexistenz zu fördern und den eigenen Horizont zu erweitern“. Ihre wertvollen Perspektiven haben aber nur selten Einfluss auf die öffentliche Debatte und die Mittelostpolitik.
Vielleicht besteht der größte fortbestehende Schaden durch den Orientalismus in der kompromisslos vertretenen Annahme, dass der „Westen“ und der „Orient“ nur als kulturelle Gegenpole mit je spezifischen Systemen von Moral, Traditionen, Werten, Religion und Wissenschaft existieren. Saids Opponenten haben am Projekt des Orientalismus kritisiert, dass der „Westen“ oft monolithisch erscheint, während Said kritisiert, dass der Orient als monolithisch dargestellt wird. Eine unvermeidliche Konsequenz der binären Logik ist, dass jeglicher Kontakt zwischen beiden Polen wahrscheinlich in eine Konfrontation zu münden scheint. Said selbst relativierte in seinen späteren Werken eine scharfe Gegenüberstellung und erkannte an, dass es Möglichkeiten der positiven Begegnung und der gegenseitigen Beeinflussung gibt, obwohl solche Begegnungen immer dadurch geprägt werden, dass sie eingebunden sind in den imperialen Diskurs.
Eine ganze Reihe arabischer Intellektueller und Künstler kennt beide Gedankenwelten und hat in ihren Werken anerkannt, ja sogar geschätzt, dass westliche Gedanken einen Einfluss auf die arabische Geschichte und Kultur gehabt haben. Abdelkébir Khatibi, ein französischsprachiger marokkanischer Schriftsteller, hat dies die doppelte Kritik im Kontext der kolonialen Präsenz Frankreichs in Nordafrika genannt. Khatibi, selbst ein prominenter Anti-Orientalist, glaubt nicht daran, dass es eine Rückkehr zu einem reinen oder unbeeinflussten arabischen oder islamischen Erbe geben kann, denn eine solche kulturelle Reinheit frei von äußerem Einfluss hat es nie gegeben. Er fordert jeden, der sich mit Nordafrika beschäftigt, auf, einen Blick auf die geografische Lage der Region zwischen Orient, dem Westen und Afrika zu werfen, statt von einer unveränderlichen historischen Essenz zu sprechen.
Naguib Mahfouz, der einzige Araber, der bisher den Literaturnobelpreis erhalten hat, und der als Vater des arabischen Romans gilt, hat eine reiche Prosa über die vielfältigen gegenseitigen Beeinflussungen zwischen Ägypten und den westlichen Kulturen verfasst. Seine Kairo-Triologie, um nur seinen berühmtesten Roman zu erwähnen, ist eine beredte Geschichte Ägyptens und zeigt die Auswirkungen des westlichen Einflusses für die Weiterentwicklung der ägyptischen Kultur. Es gibt zahlreiche arabische Romanautoren, deren Werke bisher nicht übersetzt wurden, die die Tiefe ihrer Gesellschaften ausloten und auf kreative Weise Ost und West miteinander verbinden.
Andere Intellektuelle haben sich schon vor längerer Zeit dieser Aufgabe gestellt. Die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi hat sich jahrelang mit der sehr vereinfachenden Auffassung der Orientalisten von den unterdrückten arabischen Frauen auseinander gesetzt, die angeblich in den engen Grenzen eines Harems leben, wie man ihn sich seit Aladins Zeiten vorstellt. In „Träume der Übertretung“ und „Scheherazade geht nach Westen“ beschreibt Mernissi eine arabische Scheherazade und fügt Worte zu einer Geschichte ihrer eigenen Rettung zusammen. Anders als die imaginäre Scheherazade in der westlichen Kunst und Literatur, die auf ihren sexuellen Körper reduziert wurde, nutzt die arabische Scheherazade ihre geistigen Fähigkeiten, und dies ist „die Essenz ihrer sexuellen Attraktivität“.
Der palästinensische Poet Mahmoud Darwish, der bekannt ist als größter Lyriker für die palästinensische Sache, hilft vielen Araberinnen und Arabern, Stärke durch Worte zu finden, die all die Enttäuschungen ergebnislosen politischen Handelns in seinem Heimatland ersetzen. Der syrische Poet und Essayist Adonis hat zu einer neuen arabischen Kultur aufgerufen, die selbstkritisch und in der Lage sein soll, sich für universale menschliche Anliegen einzusetzen. Er wird von Araberinnen und Arabern hoch geschätzt für seine Gedichtsammlungen, aber auch für seine offen ausgesprochenen Provokationen, etwa dann, wenn er die Menschen im arabischen Raum daran erinnert, dass „unsere Achillesferse nicht so sehr außen wie in unserem Inneren heilt“. Die Liste solcher Stimmen ist lang und vielfältig, aber ihre Gedanken fallen im Westen oft auf taube Ohren.
Das doppelte kulturelle Bewusstsein
Viele der arabischen Stimmen, die wir heute hören können, sprechen aus einer Position des doppelten kulturellen Bewusstseins, das ihnen außergewöhnliche Einsichten in beide Kulturen erlaubt. Wie Said es tat, leben manche von ihnen im Westen, und mit wahrscheinlich werden ihre Werke eher von einem westlichen Publikum gelesen, an das sie sich auch wenden. Tariq Ramadan, ein in der Schweiz geborener Philosoph mit ägyptischem Hintergrund, ist ein gutes Beispiel dafür. Er tritt für einen neuen Islam ein, der sich für einige westliche Werte wie Demokratie einsetzt und sie einbezieht, und er reflektiert über die Lebensrealitäten in westlichen Gesellschaften. Er fordert von Muslime, die im Westen leben, aufzuhören, Parallelgesellschaften aufzubauen. Sie sollten sich statt dessen im bürgerlichen Leben ihrer Gesellschaften engagieren.
Ramadans große Zahl von Veröffentlichungen und seine gut besuchten Vorträge sowohl in Europa als auch in der arabischen Welt weisen hin auf neue Perspektive einer im Entstehen begriffenen arabisch-muslimischen Identität, die völlig verwoben ist mit westlichen Gesellschafts- und Kultursystemen. Wie Said hat auch Ramadan verstanden, wie wichtig es ist, mit dem Westen in einen konstruktiven Dialog zum gegenseitigen Verstehen einzutreten. Seine Website und seine Blogs bieten in Ergänzung zu seinen Aufsätzen auf Französisch und Englisch interessante Kommentare zu Anliegen im Blick auf den Islam im Westen.
Vielleicht ist das Internet der rascheste und am deutlichsten wahrnehmbare Kommunikationsmöglichkeit, die von einer sehr großen Zahl arabischer Denkerinnen und Denker genutzt wird, um sich gegen die Tyrannei ihrer undemokratischen politischen Systeme zur Wehr zu setzen, das als einseitig erkannte Bild in westlichen Massenmedien zu korrigieren oder einfach Geschichten aus ihrem eigenen Blickwinkel zu erzählen. Von den persönlichen Websites berühmter Intellektueller wie Tariq Ramadan und Mahmoud Darwish bis zu populären Blogs des „Zornigen Arabers“ oder des „Maurisches Mädchen“ ist die „andere“ Seite im Internet gut vertreten und dies auf Englisch.
In ihren Arbeiten über die digitale Revolution in der arabischen Welt hat Fatema Mernisse diese Blogger als „Sindbads“ der heutigen Zeit bezeichnet, die nichts mit den Vorstellungen Disneys von einem Gauner und Dieb zu tun haben, aber viel mit dem realen Sindbad, dem Reisenden, der in seiner Begegnung mit freundlichen und wilden Fremden einen großen Reichtum ansammelte. Wie ein Filmkritiker einmal sagte, „war der wirkliche Sindbad der arabischen Nächte ein wohlhabender Abenteurer aus Bagdad, aber niemand will einen Film über einen Typen wie Donald Trump in einem langen Gewand und mit einem Fez sehen“. Arabische Blogger schreiben heute unermüdlich und furchtlos, damit der reale Sindbad auch heute eine Stimme erhält.
Der Nachrichtendienst „Zorniger Araber“ ist ein Blog von As’ad AbuKhalil, einem libanesischen Professor für Politische Wissenschaften an der „California State University“ in Stanislaus. Er war früher politischer Berater der Fernsehsender NBC und ABC und wurde oft von den Fernstationen eingeladen, um die Perspektive der „zornigen Araber“ darzustellen, und daraus entstand der Name der Website. Mit 35.000 Hits im Monat in Amerika und dem Mittleren Osten ist der „Zornige Araber“ viel beachtet wegen seiner sarkastischen Reaktion auf die Mittelostpolitik der USA, die libanesische Politik, den palästinensisch-israelischen Konflikt und den Krieg im Irak.
Ein anderer informativer und populärer Blog ist „Arabisto“, ein arabisch-amerikanischer Informationsdienst mit einer täglich aktuellen Nachrichtenberichterstattung aus dem Mittleren Osten und der arabischen Gemeinschaft in den USA. Es werden außerdem Kommentare zu politischen und kulturellen Themen in der arabischen Welt sowie ein Index der populärsten arabischen Blogs auf Arabisch und Englisch angeboten.
Ein anderer häufig besuchter Blog ist „Laila Lalami’s“, früher bekannt als „Maurisches Mädchen“. Lalami, eine in Marokko geborene Schriftstellerin und Essayistin, lebt in Portland, Oregon, und bietet häufig aktualisierte Blogs auf Englisch an, die einen Einblick in die reiche arabische Literaturszene geben und Nutzerinnen und Nutzer mit arabischen Autorinnen und Autoren bekannt machen, von denen man im Westen so gut wie nichts weiß.
Von innen oder von außen?
Viele der populären arabischen Intellektuellen, die bisher erwähnt wurden, haben eines gemeinsam: Sie leben außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat. Die Erfahrung des erzwungenen oder freiwilligen Exils kann ein großer Vorteil sein, aber es stellt sich auch die Frage, ob diese Stimmen für sich in Anspruch nehmen können, die arabische Welt zu repräsentieren. Wenn diese Stimmen vom Rand der arabischen Kultur aus sprechen, wie können sie dann ein zuverlässiges Barometer dafür sein, was in der arabischen Welt vor sich geht? Es ist nicht meine Absicht, ihre Auffassungen zu den arabischen Gesellschaften voreilig zu diskreditieren, aber es muss doch ihr Anspruch problematisiert werden, für beide Welten und Kulturen mit gleicher Autorität sprechen zu können.
Dieser Legitimitätskonflikte spielen auch bei arabischen Satellitenfernsehprogrammen wie „Al-Jazeera“ eine Rolle, die oft diese Persönlichkeiten aus der arabischen Diaspora einladen, verschiedene politische und kulturelle Themen zu kommentieren. Vor etwa zwei Jahren wurde in „Al-Jazeeras“ am meisten gesehenen Programm, einer Adaption von „CNN Crossfire“, ein ägyptischer islamischer Geistlicher zu einer Diskussion mit einem atheistischen in Syrien geborenen Psychologen aus Los Angeles eingeladen, um über Säkularisierung und Islam zu sprechen.
Die schockierenden Kommentare des atheistischen Arabers aus der Diaspora, der den Zustand der Muslime heute mit dem europäischen Mittelalter verglich, wurde von vielen Zuschauerinnen und Zuschauern des Programms als Argument verwendet, um zu belegen, warum es keinen Wert habe, entfremdete Araber einzuladen, die im Ausland leben und schließlich alle sozio-kulturellen Bindungen an ihre Ursprungsgesellschaften verloren haben. Tatsächlich hat eine kürzlich durchgeführte Konferenz in Florida zum säkularen Islam, den die Veranstalter als „die nächste islamische Aufklärung“ bezeichneten, nur eine minimale Beachtung in arabischen Medien gefunden. Das war vielleicht so, weil viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz in der Diaspora lebten und Auffassungen vom Islam vertraten, die sehr weit entfernt sind von den kulturellen und religiösen Realitäten im Mittleren Osten.
Trotz der vermutlich vorhandenen Diskrepanz zwischen den Auffassungen der arabischen Stimmen innerhalb und außerhalb des arabischen Raums, ist es wichtig, auf diese Stimmen zu hören, wenn man es Ernst damit meint, die arabische Welt zu verstehen. Leider werden viele dieser Stimmen im öffentlichen Diskurs über den Mittleren Osten nur peripher wahrgenommen, und entsprechend begrenzt ist ihr Einfluss. Menschen wie Adonis, Ramadan, Mernissi, Lalami, AbuKhalil und viele andere innerhalb und außerhalb der Region sollten in den Medien viel häufiger zu Wort kommen, damit einer oberflächlichen und ahistorischen Darstellung der arabischen Kultur etwas entgegen gestellt werden kann.
Manche Stimmen werden im Westen dämonisiert, weil sie offenbar die Durchsetzung der eigenen Politik behindern und die westlichen Interessen zu bedrohen scheinen. Ein Beispiel dafür ist „Al-Jazeera“. Der Sender bietet gute und sonst kaum verfügbare Informationen darüber an, was Araber denken und wie sie über bestimmte Themen denken. Aber eine aggressive Kampagne gegen diesen so genannten „Kanal des Terrors“ hat dazu geführt, dass das Programm in den USA schwer zu empfangen ist. Als „Al-Jazeera“ ein englischsprachiges Nachrichtenprogramm startete, waren international viele Kabel- und Satellitenfernsehanbieter stark daran interessiert, diesen Kanal in ihr Angebot aufzunehmen. Nur in den Vereinigten Staaten war dies nicht der Fall, sodass „Al-Jazeera“ immer noch darauf wartet, in das Kabel- und Satellitenprogrammangebot aufgenommen zu werden.
„Al Jazeera“ ist gewiss kein perfekter Nachrichtenkanal, aber der Sender hat den öffentlichen Diskurs in der Region erheblich verändert und viele Araberinnen und Araber davon überzeugt, dass jeder und jede das Recht auf eine eigene Meinung hat. In den Programmen dieses Senders können Araberinnen und Araber unterschiedlichste Meinungen zu Tabuthemen wie die Anerkennung Israels, die Säkularisierung, Menschenrechtsverletzungen, freie Meinungsäußerung, Armut, schlechte Bildungsangebote, häusliche Gewalt oder islamischen Fundamentalismus äußern.
Viele Araberinnen und Araber glauben, dass ihre politische und kulturelle Autonomie durch ein mächtiges Israel und eine aggressive amerikanische Außenpolitik bedroht ist, die Diktaturen in Ländern wie Ägypten, Jordanien und Saudi Arabien belohnt und nicht freundlich gesinnte Staaten wie den Irak (unter Saddam Hussein) destabilisiert. Wir haben erlebt, wie Araber aufgrund dieser Wahrnehmungen mit Gewalt reagierten, aber die Mehrheit ist sich weiterhin nicht klar, wer die Verantwortung für diese Situation trägt.
Die neuen Stimmen wie „Al-Jazeera“ und diejenigen Araberinnen und Araber, die ihre Gesellschaften systematisch analysieren, sind in einer lauten, beinahe existenziellen Debatte darüber verwickelt, was es bedeutet, Araber zu sein und wie Araber selbst, sondern auch die Menschheit von Veränderungen profitieren können. Wir sollten zuhören.
Nabil Echchaibi ist Gastprofessor für Kommunikationsfragen an der University of Louisville, Kentucky, USA. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die politische Ökonomie der islamischen Satellitenmedien im Mittleren Osten und für Muslime in der Diaspora im Westen. Seine Beiträge sind in zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen.
Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann