Bella Mody
Der nachfolgende Beitrag erschien in der Ausgabe 3/2006 der WACC-Zeitschrift „Media Development“
AIDS ist in erster Linie eine Krankheit armer Menschen in armen Ländern. Berichte von UNAIDS aus dem Jahr 2005 betonen, dass 90% der Neuinfektionen in Entwicklungsländern erfolgen. Zwei Drittel aller Menschen und sogar 77% aller Frauen, die mit dem Virus leben, sind in Afrika südlich der Sahara zu Hause. Indien weist nach Südafrika die zweitgrößte Zahl von Menschen auf, die HIV positiv sind. Die Epidemie breitet sich rasch in Ost- und Zentralasien und ebenso in Osteuropa aus.
Die Ursache von AIDS ist Unterentwicklung. Die beste Präventionsmaßnahme ist Entwicklung. Ich bin der Auffassung, dass die Ursachen eines Verhaltens, das zum AIDS-Risiko führt, struktureller, sozialer, ökonomischer und politischer Art sind, zu denen individuelle, familiäre und kulturelle Ursachen hinzukommen. Die Kommunikationskomponente für eine Lösung des Problems muss deshalb die grundlegenden Ursachen ansprechen, und die liegen stets auf der Beziehungsebene. Es ist deshalb erforderlich, die Beziehungsgeflechte zu analysieren.
Um zu erklären, warum ein männlicher Migrant vom Lande nicht bereit ist, ein Kondom zu verwenden, obwohl er eine größere Zahl von Sexualpartnerinnen hat, reicht es nicht aus festzustellen, dass er eine Präferenz für „Haut-zu-Haut“-Sex hat, sondern man muss sich auch mit seiner Einführung in sexuelle Beziehungen während der Pubertät sowie den Erwartungen beschäftigen, die er sich in der Vergangenheit angeeignet hat in den Beziehungen zu Mutter, Vater, anderen Jugendlichen bei der Initiation, religiösen Führern, Lehrern, ersten Partnerinnen, vermittelten Eheerwartungen etc.
Am Anfang dieses Artikels wird erläutert, warum AIDS eine Krankheit armer Menschen in armen Ländern ist. Anschließend wird dargestellt, warum Kommunikation kein Allheilmittel für AIDS oder Wundermittel gegen alle Entwicklungsprobleme ist, denn dieser politische Fehler wird bis in die höchsten Entscheidungsebenen immer wiederholt. Der dann folgende Abschnitt gibt in knapper Form einen Überblick über die Ratschläge für die Kommunikationsarbeit zu AIDS, die von Wissenschaftlern gegeben werden. Am Ende des Beitrags stehen Empfehlungen, wie Medien so ausgewählt und Botschaften so formuliert werden können, dass sie die in Beziehungen begründeten Ursachen riskanten Verhaltens aufnehmen und zwar über den ganzen Lebenszyklus (Jugend, Familie, Kirche, Schule, Veranstaltungen subkultureller Gruppen, Gesundheitseinrichtungen, Staat) und durch die kontextuellen Ausdrucksformen auf unterschiedlichen Gebieten (wirtschaftlich, politisch, kulturell).
Das Virus finden auf leichte Weise einen Zugang in die Blutbahn durch genitale Wunden, die nicht behandelt werden, weil das Geld für Antibiotika fehlt. Mit dem Virus infizieren sich Wanderarbeiter aus ländlichen Gebieten, die gezwungen wurden, ihr Zuhause zu verlassen, um bezahlte Arbeit zu finden. Sie ziehen von einer Baustelle zum nächsten Bergwerk und weiter zu einem städtischen Industriebetrieb. Sexarbeiterinnen, die ebenfalls aus dem Dorf weggezogen sind und nun den Migranten menschliche Kontakte bieten, infizieren sich ebenfalls mit dem Virus.
Ehefrauen, die mit den Kindern im Dorf zurück geblieben sind, infizieren sich mit dem Virus, wenn die Ehemänner zu Festen oder zur Ernte nach Hause kommen. Das Virus wird dann von der infizierten Mutter an das Baby weiter gegeben, weil die Mutter es sich nicht leisten kann, auf das Stillen an der Brust zu verzichten. Auch arbeitslose Jugendliche infizieren sich mit dem Virus, wenn sie Drogen verkaufen und dann beginnen, selbst Injektionen zu machen, weil sie immer noch keine Arbeit finden. Die medizinische Ursache von AIDS ist ein Virus, aber die wirklichen Ursachen sind der Mangel an Jobs, das Fehlen wirtschaftlicher Entwicklung und der Mangel an öffentlichen Gesundheitseinrichtungen.
Ich habe gezeigt, dass die Migration eine HIV-Infektion begünstigt. Appadurai sieht Migration und Medien als wesentliche Merkmale unserer „globalisierten“ Zeit an. (1) Peter Piot, der an der Spitze von UNAIDS steht, hat bereits öfter betont, dass die Kommunikationsmedien die Macht haben, mehr Leben zu retten als Ärzte. Aber kann etwas die Lösung für Probleme darstellen, die von anderen verursacht wurden? Wenn der Staat versagt, in den ländlichen Gebieten, in denen die Menschen leben, Arbeit zu schaffen, und daher für die Menschen die Notwendigkeit entsteht, in die Städte abzuwandern, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, stellt sich die Frage, wie Worte und Bilder, die durch Kommunikationsmedien vermittelt werden, diesen Erwachsenen und Jugendlichen helfen können, sich in neuen Familien sowie neuen sexuellen und Arbeitsbeziehungen einzurichten.
Ende der 1950er Jahre haben US-Journalisten und -Propagandisten mit Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, die die besten Absichten hatten, die neu entstandenen Organisationen UNESCO und USAID überzeugt, dass Medien ein Klima für sozialen Wandel und Entwicklung in den gerade unabhängig gewordenen Staaten schaffen könnten. Die Entwicklungsdekade der 1960er Jahre führte aber zu sehr wenig Entwicklung, welche Maßstäbe man auch anlegte, und dies löste eine kritische Beschäftigung damit aus, warum die Medien keinen besseren Beitrag geleistet hatten. Mitte der 1970er Jahre haben die Autorin dieses Beitrags und viele andere in akademischen Werken Einsichten dargestellt, die sich aus dem gesunden Menschenverstand ableiten ließen: Staaten müssen strukturelle soziale Veränderungen verwirklichen; Medien können lediglich Informationen bereitstellen zur Umverteilung der Lebenschancen; Informationen müssen auf die Bedürfnisse und Präferenzen der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer zugeschnitten sein und dabei Bildung, Geschlecht, Klasse, Region, Sprache und Bedürfnisse berücksichtigen; die Bereitstellung von umfassenden, verlässlichen und nützlichen Informationen zur rechten Zeit bedarf einer Vertiefung durch Gespräche in der jeweiligen Peer-Group, um internalisiert zu werden und in Überlegungen zu münden, das eigene Verhalten zu verändern; um Veränderungen des Verhaltens und Handelns auszulösen, sind neben der Bereitstellung von Informationen (z.B. zu Landwirtschaft und Gesundheit) zusätzlich Inputs wie Medizin, Kredite, Dünger und Wasserversorgung erforderlich; Medien müssen den Dialog stimulieren und dafür Raum schaffen, statt lediglich Instrumente zur Informationsverbreitung zu sein. Zusammenfassend lässt sich sagen: Medienkampagnen brauchen als Grundlage staatliche Initiativen zur Veränderung der Handlungsmöglichkeiten. Sie können Informationen zu diesen Veränderungen liefern, die dann verbunden werden müssen mit der Schaffung von materiellen Voraussetzungen dafür, auf der Grundlage der Informationen zu handeln. Die große Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer von Telenovelas in Mexiko hat in den 1980er Jahren „Population Communication International“ und Everett M. Rogers dazu veranlasst, Information weniger in einem Predigtstil und dafür unterhaltsamer zu vermitteln. Inzwischen wird der akademische Konsens, der Mitte der 1970er Jahre erreicht worden war, neu belebt, wenn wir nach raschen und einfachen Lösungen für komplexe multidimensionale Entwicklungsprobleme suchen.
Die Website der „Communication Initiative“ und damit verbundene elektronische Newsletter, die von UN-Einrichtungen, bilateral arbeitenden Organisationen und Stiftungen unterstützt werden, bieten Fallstudien und Informationen zur vielfältigen Nutzung von Kommunikationsmedien. Eine große Zahl wissenschaftlicher Bücher hat sich intensiv mit der Frage befasst, wie Medien besser nutzbar gemacht werden können, nun im Dienste des Kampfes gegen AIDS. Im Januar riefen der UN-Generalsekretär und die US-amerikanische „Kaiser Family Foundation“ eine „Globale Medieninitiative gegen AIDS“ ins Leben, um gewinnorientierte Unternehmen, die nun Massenmedien beherrschten, aus denen die Staaten sich seit den 1980er Jahren zurückgezogen haben, dafür zu gewinnen, AIDS-Botschaften in all ihren Unterhaltungsprogrammen zu platzieren.
MTV übernahm die Führung, und bald folgten Medienunternehmen in Russland, Südafrika, Großbritannien, Indien und Brasilien, die dem Leitungsausschuss der Initiative angehören. Die Weltbank und UNAIDS nahmen Massenmedien in ihre Aufstellung der Beispiele von „bester Praxis“ auf. In einem Bericht von UNAIDS vom Dezember 2005 wurden drei Vorzeigeprojekte dargestellt: Soul City, Community Health Media Trust, and Takalani Sesame.
Vorschläge dafür, wie die Wirkung der Medien im Kampf gegen AIDS verbessert werden kann, kommen von Akademikern in den industrialisierten Ländern und von praktisch orientierten Wissenschaftlern in den Entwicklungsländern. Unter den Forschern im Norden hat Robert Hornik (2) von der „Annenberg School“ der „University of Pennsylvania“ eine führende Position. Er erarbeitete eine systematische Liste von Vorschlägen, die auf vierzig Jahren handlungsorientierter Forschungen und Erprobungen beruht. Er hat nach der Veröffentlichung der Liste auf den politischen Willen der Regierungen gewartet, auf dieser Grundlage zu arbeiten. Eine jüngere Gruppe von Wissenschaftlern (darunter Thomas Tufte aus Dänemark) schreibt weiterhin Beiträge darüber, wie Medien zur Entwicklung von Kommunikation eingesetzt werden können und betont dabei die unzureichende Berücksichtigung neuerer Erkenntnisse auf Gebieten wie Kulturtheorie, qualitative Methoden und kulturelle Globalisierung in der Kommunikationstheorie.
Einer der praxis- und handlungsorientierten Forscher im Süden ist Warren Parker, der Direktor des „Center for AIDS, Development, Research and Evaluation“ (CADRE), ein Institut (in Südafrika), das mit der Produktion von „Tsha Tsha“ Pionierarbeit geleistet hat. Dabei handelt es sich um eine spannend gestaltete Fernsehserie, in deren Mittelpunkt junge Leute in einem ländlichen Gebiet stehen. Die Fernsehserie wird begleitet, von einer Radio-Talkshow, um Gruppen von Jugendlichen zu eigenen Diskussionen anzuregen. 2004 betonte Parker, dass es notwendig ist, über auf die einzelne Person ausgerichtete Strategien zur Risikovermeidung hinauszukommen und sich einem ganzen Spektrum von Risiko-Kontexten und Lösungsansätzen der öffentlichen Gesundheit zuzuwenden. Strategien zur Verminderung der Risiken, die auf der Notwendigkeit von individuellen Verhaltensänderungen beruhen, müssen berücksichtigen, dass es Machtunterschiede gibt, die individuelle Absichten überlagern, etwa dann, wenn ein treuer Ehepartner durch den untreuen Ehepartner infiziert wird, oder dann, wenn eine junge Frau durch einen ihr kulturell übergeordneten Mann, der älter ist als sie, zu Sex genötigt wird. Es kann auch sein, dass Essen oder Unterkunft gegen Sex getauscht werden. Risiken entstehen zudem in vielfältigen Umgebungen: Schule, Kirche, Polizei und Justizsystem.
In Übereinstimmung mit Vorschlägen, die seit den 1970er Jahren erarbeitet wurden, betont Parker die Notwendigkeit, Empfehlungen entsprechend der Situation sozialer Gruppen vor Ort zu differenzieren und nuancieren. So kommt es vor, dass Medienbotschaften Abstinenz und die Treue zu einem Freund oder einer Freundin propagieren, wie sie von vielen praktiziert werden, statt auf breiter Basis eindringlich dazu aufzufordern, ein riskantes Verhalten zu ändern, das nur für kleinere Gruppen charakteristisch ist. Mitte 2006 nahmen die Proteste gegen die für alle standardisierte Anwendung der ABC-Strategie (abstain, be faithful, use condoms) durch US-Organisationen zu, bei denen A und B mehr Aufmerksamkeit finden als das C (siehe dazu „The ABC Disaster“, Drum Beat, Issue 345 May 1, 2006).
Analysen der Irrtümer von Entwicklungskonzepten und Entwicklungskommunikation in den 1960er Jahren heben hervor, dass die Opfer verurteilt wurden: Es wurde behauptet, dass die Entwicklungsländer keine Fortschritte gemacht hätten, weil die Bürger apathische, irrationale und wissenschaftsfeindliche Landbewohner seien, die keine Motivation hätten, etwas zu erreichen. Gegenwärtige Medienkampagnen gegen AIDS wenden sich an die heutigen Opfer staatlicher Untätigkeit, die vom Virus betroffen sind: Dorfbewohner ohne Ausbildung, die in den Städten nach Arbeit suchen, weil sie keine Arbeit in ihren Dörfern finden.
Medien können den Dialog auf der lokalen Ebene darüber fördern, welche Informationen die Bürgerinnen und Bürger benötigen sowie wann und in welcher Form sie diese Informationen brauchen, und dieser Dialog kann Lernprozesse bei der Regierung auslösen – dies ist der Kern einer Kommunikation von unten nach oben. Kommunikationsmedien können außerdem Wissen über Angebote des Staates verbreiten, um es den Menschen zu ermöglichen, diese zu nutzen. Das wäre dann eine sinnvolle Entwicklungskommunikation von oben nach unten. Aber welche redliche Rolle können Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ehrlicherweise übernehmen, wenn es keine Entwicklung gibt? Jemand der wirbt, startet keine Medienkampagne zur Nutzung einer Dienstleistung, bevor diese auf dem Markt verfügbar ist. Wenn die Dienstleistung zur Verfügung steht, wird die Medienkampagne um so intensiver sein, und die Werbebotschaften werden ständig wiederholt. In gleicher Weise würde man erwarten, dass der Staat erst Entwicklungsmöglichkeiten schafft und dann das Wissen hierüber vermittelt.
Der „Human Development Report 2003“ der UN-Entwicklungsorganisation UNDP stellte fest, dass die 1990er Jahre in vielen Ländern eine Dekade der Verzweiflung waren. Mehr als 50 Länder waren Anfang des 21. Jahrhunderts ärmer als 1990. Davon befinden sich 20 in Afrika südlich der Sahara, 17 in Osteuropa und der früheren Sowjetunion, 6 in Lateinamerika und der Karibik, 6 in Ostasien und 5 im arabischen Raum. Die Nachwirkungen des Kolonialismus bestehen fort und verstärken die Probleme, die durch begrenzte ausländische Hilfe und eingeschränkten Marktzugang verursacht werden. UNDP betont, dass die wohlhabenden Länder die materiellen Voraussetzungen für Entwicklung im armen Teil der Welt schaffen können und dass sie ihre Anstrengungen dabei vor allem darauf konzentrieren sollten, Ressourcen und Handelsmöglichkeiten für die armen Länder zu schaffen.
Das „Center for Global Development“ (3) betont zusätzlich die Notwendigkeit, dass die wohlhabenden Länder die Einschränkungen beseitigen, die sie den armen Ländern auferlegen (z.B. die Vereinbarungen zum geistigen Eigentum im Rahmen der WTO) und dass sie diesen Ländern ausreichend Spielraum einräumen müssen, ihre eigene Wirtschaftspolitik zu entwickeln. Es wird berechtigterweise gefragt: Wäre China etwa in einer besseren Position, wenn das Land 1978 das weithin angewandte Weltbank-Konzept der Strukturanpassungsprogramme übernommen hätte, statt das eigene unorthodoxe Programm des allmählichen Übergangs zu wählen? Die Fachleute verweisen auf die Erfahrungen in Ostasien (u.a. Vietnam), China und Indien bei der Schaffung von Betätigungsmöglichkeiten für einheimische Investoren und die Armen der Länder durch institutionelle Innovationen, die auf die lokale politische und institutionelle Realität zugeschnitten ist.
Die 54 Länder auf der UNDP-Liste tauchen zum größten Teil im Index der „gescheiterten Staaten“ der Zeitschrift „Foreign Policy“ und des „Fund for Peace“ wieder auf. Für den Index wurde ein Land als „gescheiterter Staat“ klassifiziert, dessen Regierung keine wirksame Kontrolle über das Territorium hat, von einem bedeutenden Teil der Bevölkerung nicht als legitim angesehen wird, keine Sicherheit im Lande und keine grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen bereitstellt sowie über kein Gewaltmonopol verfügt. In einem gescheiterten Staat herrscht entweder Gewalt oder er ist verwundbar gegenüber Gewalt. Die Herstellung eines wirksamen Regierungssystems ist Sache des Landes selbst. Die Konsequenzen von Interventionen von außen sind an der Situationen im Irak und in Afghanistan zu beobachten.
Statt die Migranten in Entwicklungsländern zu verurteilen, die ihre Familien in den Dörfern verlassen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sollten Kommunikationsplaner die Verantwortung dort suchen, wo sie liegt: bei den postkolonialen Staaten, die auch fünf Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit keine wirkungsvolle Entwicklungspolitik und keine wirksamen AIDS-Pläne entwickelt haben.
Angesichts der tragischen Umstände, die zu einer Ausbreitung von AIDS in Staaten, die dabei gescheitert sind, ihren Bürgerinnen und Bürgern die notwendigen Leistungen bereitzustellen, geführt haben, möchte ich drei Vorschläge machen, wie sorgsam ausgewählte Medien und Inhalte genutzt werden können, um Kommunikationsinterventionen zu entwerfen, die ein ergänzender Input sind:
1. Der Schwerpunkt sollte auf die Menschen gelegt werden, die das größte Risiko tragen: Seit staatliche Medien an private Unternehmen verkauft und alle Medien unabhängig von den Eigentumsverhältnissen kommerzialisiert wurden, müssen diejenigen, die AIDS-Kampagnen planen und durchführen, in den meisten Ländern genauso Sendezeit oder Platz in Printmedien kaufen wie diejenigen, die für Zahnpasta werben wollen. Diejenigen, die für Zahnpasta werben, kennen die Bedeutung häufiger Wiederholungen und von unterschiedlichen Stadien der Entwicklung und Verbreitung von Botschaften (u.a. Bewusstseinsbildung, Interesse wecken, Evaluierung, Bewertung, Anpassung, Festigung der Erinnerungen). Sie bauen die Kosten für den Kauf von Zeit bzw. Platz in Medien und die Maßnahmen zur Festigung der Aufmerksamkeit für die Produkte in den Preis der Zahnpasta ein. Auch „verkaufen“ sie das gleiche Produkt über unterschiedliche Medien, Medienauftritte und Darstellungsformen, um differenzierte Märkte zu erreichen, die von unterschiedlichen Bedürfnissen und Subkulturen der Zielgruppen bestimmt sind.
Wegen der bestehenden Vielfalt unterschiedlich riskanten Verhaltens durch verschiedene Gesellschafts- und Einkommensgruppen angesichts von AIDS (Injektionen zum Drogengebrauch, Bluttransfusionen, ungeschützter Sex mit einer größeren Zahl von Partnerinnen und Partnern) und unterschiedlicher Formen und Sprachformen, diese Probleme zu diskutieren, müssen auch AIDS-Kampagnen differenziert werden. In manchen Ländern werden Botschaften zu AIDS vor allem über das Kabelfernsehen und Magazine für die Elite verbreitet, während die Armen nur Zugang zum Radio und zu kostenlos ausgestrahlten Fernsehprogrammen und ihren Botschaften haben.
Die Entwicklung von Botschaften unter Mitwirkung spezifischer wirtschaftlicher und kultureller Gruppen der Gesellschaft ermöglicht es, Unterschiede in der Art und Weise zu berücksichtigen, wie kommuniziert werden kann. Dies entspricht dem Vorgehen von Werbeagenturen bei der Entwicklung von kommerziellen Kampagnen für unterschiedliche Marktsegmente. Wenn die Finanzbudgets sehr begrenzt sind, muss man die Aufmerksamkeit auf diejenigen konzentrieren, die den größten Bedarf haben. Plakate zur Begrüßung von Kofi Annan in einer Stadt, wo er Gast einer staatlichen AIDS-Organisation ist, sind verantwortungslos, wenn gleichzeitig das Geld dafür fehlt, Plakate für die Armenviertel zu finanzieren, wo die Arbeitsmigranten leben.
2. Es ist erforderlich, Kommunikationsinterventionen zu AIDS mit anderen Bemühungen der AIDS-Prävention, -Behandlung und -Unterstützung zu verbinden, etwa mit Tests, Beratung und Kondomverteilung. Kommunikation ist eine Intervention, die diejenigen unterstützt, die Güter und Dienstleistungen bereitstellen. Es macht keinen Sinn, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kondome schützen können, wenn diese in dem betreffenden Teil einer Stadt gar nicht verfügbar sind. Wenn die AIDS-Arbeit auf größere Risikogruppen ausgeweitet werden soll, müssen beim Präventionskonzept Fragen der Schaffung von Arbeitsplätzen, der öffentlichen Gesundheit, der Beratung in Genderfragen sowie des Angebots an Gesundheitsprogrammen berücksichtigt werden. Kommunikationsinterventionen sind kein Ersatz für die Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten.
3. Bei den Inhalten von Kommunikationskampagnen muss es um eine „Resozialisierung“ gehen, weil die Sozialisation, die die Jugendlichen und Erwachsenen für ein Leben auf dem Dorf erhalten haben, nicht auf das Leben in einem städtischen Slum oder einer weit von der Familie entfernten Bergwerksstadt vorbereitet. Statt lediglich vom Umgang mit Sexarbeiterinnen, die Wiederverwendung von Kanülen oder den Verkauf von Blut in nichtlizensierten Einrichtungen ohne die Einhaltung von Gesundheitsstandards abzuraten, müssen solche Verhaltensweisen konkret mit der alten Situation in der Heimat verglichen werden, wo keine Notwendigkeit bestand, beim Sex mit der Ehefrau ein Kondom zu verwenden, während dies ganz anders ist, wenn man im Slumgebiet für Sex bezahlt.
Persönliche Verhaltensänderungen geschehen im Kontext von Gruppenbeziehungen. Berater und die Entwickler von Medienkonzepten müssen die alte und die neue Situation im Rahmen von Gruppenkontexten wie Familie, Freunde, Lehrer, religiöse Führer, öffentliche Gesundheitseinrichtungen und Beschäftigungsverhältnissen vergleichen. Institutionen, die sich notwendigerweise um Resozialisation bemühen (z.B. Gefängnisse), scheitern häufig, sodass mehr als die Hälfte der Betroffenen erneut ins Gefängnis kommen. Es muss betont werden, dass riskantes Verhalten in Beziehung mit anderen Individuen und Gruppen über lange Lebensphasen und in bestimmten sozialen und politischen Räumen geformt wird und sich verfestigt.
Wenn die Möglichkeit zu Veränderungen illustriert werden soll, muss dies verwurzelt sein in einer realistischen und anschaulichen Analyse dieser grundlegenden und länger anhaltenden Situationen. Warum ein arbeitsloser Migrationsarbeiter ohne Ausbildung in einem Armenviertel ungeschützten Sex mit einer Sexarbeiterin hat, ist das Ergebnis vieler Ursachen, die systematisch berücksichtigt werden müssen und nachempfunden werden können in mehreren Episoden einer spannend gestalteten Radio- oder Fernsehserie.
Dieser Beitrag hat deutlich gemacht, warum AIDS zu einer Krankheit armer Leute in armen Ländern geworden ist. Der Beitrag hat die Annahme widerlegt, dass Kommunikation ein Lebensschutz ist, der den Druck auf Regierungen vermindert, sich um die vernachlässigte Schaffung von Arbeitsplätzen für die jüngere Generation in ländlichen Gebieten und die schlechte öffentliche Gesundheitsversorgung zu kümmern. Dies sind wie dargestellt die primären Gründe für die Ausbreitung der Krankheit. Es wurde deutlich, dass sich rasch wandelnde und länger bestehende Kontexte für riskantes Verhalten (viele Sexpartnerinnen, Verkauf von Blut, Verwendung von nicht sterilisierten Kanülen) für die Menschen mit den höchsten Risiken thematisiert werden müssen, um die Wirksamkeit von Medienkampagnen zu erhöhen.
Bella Mody ist deCastro-Professorin für Globale Medien an der „School of Journalism and Mass Communication“ der „University of Colorado“ in Boulder, USA. Sie hat sich spezialisiert auf die politische Ökonomie der Medien in Entwicklungsländern sowie die Planung von Forschungen zur Nutzung von Kommunikationsmedien im Dienst der Öffentlichkeit. Ihr Forschungsteam schließt gegenwärtig die Arbeiten an einem Buch darüber ab, wie die weltweiten Medien über den Genozid in Darfur berichtet haben. Dr. Mody koordinierte von 1978 bis 1983 als Dozentin das Graduiertenprogramm zur internationalen Entwicklungskommunikation der „Stanford University“ und unterrichtete von 1983 bis 1985 als Dozentin an der „San Francisco State University“. Sie war 19 Jahre lang Professorin an der „Michigan State University“, bevor sie an die „University of Colorado“ wechselte.
Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann