Dieser Beitrag wurde von Dr. Jim McDonnell, Director of Advocacy, SIGNIS (World Catholic Association for Communication) bei der XI European Christian Internet Conference XI European Christian Internet Conference (ECIC) in London vom 14.-18. Juni 2006 präsentiert.
Zum ersten Mal in der Geschichte der britischen Mediengesetzgebung gab 2003 das Kommunikationsgesetz dem „Office of Communications“ (Ofcom) die Aufgabe, Medienkompetenz (media literacy) zu fördern. (1) Mittlerweile haben Regierungen, Rundfunksender, Internetprovider, Zuschauer- und Zuhörerorganisationen und andere auf europäischer Ebene diskutiert, wie die neue EU-Richtlinie zu Audiovisuellen Diensten und die damit verbundene Empfehlungen zum Schutz von Minderjährigen und der menschlichen Würde so formuliert werden können, dass sie diese Thematik berücksichtigen. (2)
Medienkompetenz hat inzwischen einen festen Platz unter den Themen der Medienregulierung, nachdem die Medienwelt eine Reihe grundlegender Veränderungen durchlaufen hat. Die Öffentlichkeit muss sich mittlerweile zurechtfinden mit einer ständig wachsenden Zahl von Fernsehkanälen, Internetangeboten und neuen interaktiven Medien, die gegen Bezahlung angeboten werden. Ebenso gilt es, sich auf die verändernden Maßstäbe von „Geschmack und Anstand“ und „Verletzungen und strafbare Handlungen“ einzustellen. Außerdem gibt es neue Normen für Filme, Video, Fernsehen, Computerspiele und Internetinhalte. Besonders das Internet scheint das Fernsehen fast schon als wichtigster Anlass für Befürchtungen und Sorgen der Gesellschaft über negative Auswirkungen der Medien ersetzt zu haben.
Aber Medienkompetenz sollte nicht einfach als eine Strategie angesehen werden, um vor allem junge Menschen vor den „schädlichen“ oder „negativen“ Aspekten der Medien zu schützen. Notwendig ist eine länger wirkende Form des „Schutzes“ von Kindern und Erwachsenden, die darin besteht, ihnen die Fähigkeiten und das Verständnis zu vermitteln, selbstbewusst und kritisch mit den Medien umzugehen. Im digitalen Zeitalter wird Selbstregulierung sehr viel wichtiger und ist mit einer Selbstverpflichtung für die Öffentlichkeit verbunden, zu aktiven und kompetenten Bürgern und Konsumenten zu werden. Medienkompetenz ist ein lebenslanger Prozess, und es ist deshalb unverzichtbar, sie in den verschiedenen Stadien des Erwachsenenlebens zu fördern.
Es gibt viele miteinander konkurrierende Definitionen von Medienkompetenz. Ofcom verwendet die folgende Definition: „Medienkompetenz ist die Fähigkeit, in einer Vielfalt von Kontexten Zugang zu Kommunikation zu haben, sie zu verstehen und herzustellen.“ Die Formulierung „verstehen“ schließt die Notwendigkeit ein, sicherzustellen, dass die Menschen über die Medien informiert sind, verstehen, wie unterschiedliche Medien arbeiten, und zu kritischen Urteilen über Medieninhalte gelangen können. Die Öffentlichkeit selbst hat den Wunsch, besser informiert und darauf vorbereitet zu sein, mit diesen Herausforderungen zurechtzukommen. „Es gibt klare Anzeichen dafür, dass die Öffentlichkeit hoch motiviert ist, Medienkompetenz zu erwerben, aber gegenwärtig bleiben die formalen Angebote hierfür hinter dem Bedarf zurück.“ (3)
Es gibt in allen Teilen der Welt sehr viele mit den Kirchen verbundene Medienkompetenz-Projekte. Darunter sind das „Center for Media Literacy“ in Los Angeles und das „Jesuit Communication Project“ in Toronto. In Europa ist die Arbeit von Fr. Joseph Borg in Malta zu erwähnen, der seit vielen Jahren Medienkompetenz-Unterrichtsmaterial für Primar- und Sekundarschulen erarbeitet. In Italien ist die „Med Association for Media Education“ an der „Salesian University“ in Rom seit 1996 auf diesem Gebiet tätig. In Großbritannien bietet das „Media Awareness Project“ der „Mothers’ Union“ Denkanstöße und Materialien für Menschen in Kirchengemeinden, damit sie mit mehr Selbstvertrauen mit den Medien umgehen können. Internationale Organisationen wie SIGNIS (The World Catholic Association for Communication) and WACC (World Association for Christian Communication) setzen sich entschlossen dafür ein, eine kritische Medienkompetenz auf allen Ebenen zu fördern. (4) (Einen Einblick in die Vielfalt der Medienkompetenz-Projekte in Europa kann gewonnen werden, wenn man sich die Liste der Institutionen ansieht, die die „Europäische Charta für Medienkompetenz“ unterzeichnet haben: http://www.euromedialiteracy.eu/index.php .)
Allerdings ist trotz aller Initiativen vieler unterschiedlicher säkularer und religiöser Institutionen das Angebot von praktischen Programmen für Schulen, Colleges und die allgemeine Öffentlichkeit immer noch recht fragmentarisch. Auch kann festgestellt werden, dass in Europa heute große Anstrengungen unternommen werden im Blick auf den recht engen Themenbereich Internetkompetenz (siehe hierzu zum Beispiel die zahlreichen Projekte in Zusammenhang mit dem von der Europäischen Kommission unterstützten Projekt „Insafe“: http://www.saferinternet.org/ww/en/pub/insafe/index.htm ).
Die christlichen Kirchen haben eine ganze Reihe von Erklärungen zur Bedeutung der Medienkompetenz und in jüngerer Zeit auch zur Internetkompetenz abgegeben. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die katholischen Bischöfe in der Europäischen Union haben 2001 eine Erklärung zur Medienkompetenz herausgegeben, in der es u.a. heißt:
„Besondere Aufmerksamkeit muss der Internetkompetenz gegeben werden. In diesem Zusammenhang begrüßen wir den ‚e-Learning Action Plan’, den die Europäische Kommission am 28. März 2001 verabschiedet hat. Es ist die Absicht von Kommissionsmitglied Reding, eine Initiative für Bildungsprogramme zu visuellen Bildern und neuen Medien vorzubereiten. Wir möchten dennoch darauf hinweisen, dass die Maßnahmen, die ergriffen werden, um Menschen in der Nutzung von Informationstechnologie auszubilden – entsprechend der Ziele des Lissabon-Prozesses, wie sie vom Europäischen Rat am 23.-24. März bestätigt wurden –, nicht ausreichen. Es muss auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Bildung sichergestellt werden, dass die Menschen die Fähigkeiten erwerben, die nötig sind, um die Inhalte des Internets sowie anderer technischer Systeme zu nutzen und kritisch zu überprüfen.“ (5)
Ein Jahr vorher hatte die Katholische Bischofskonferenz der USA eine Erklärung zu „Deine Familie und Cyberspace“ herausgegeben, die mit einer Liste praktischer Tipps für Eltern abschließt, wie Eltern die Internetnutzung ihrer Kinder überprüfen können. (6)
Internetkompetenz und „sicheres Surfen“ sind selbstverständlich wichtige praktische pastorale Themen und verdienen Beachtung und Unterstützung, aber es gibt auch andere Dimensionen der Medienkompetenz im Blick auf die neuen Medien, die untersucht und diskutiert werden müssen. Die Kirche sollte an der Spitze derer stehen, die fordern, dass die Menschen sensibilisiert werden sollten für die sozialen, kulturellen, politischen und ethischen Auswirkungen des Internets und der übrigen Informationstechnologien. Das Wachstum und die Entwicklung des Internets und damit verknüpfter Technologien ist Teil einer sehr viel breiteren Entwicklung, die wir manchmal etwas irreführend als „Informationsgesellschaft“ bezeichnen. Medienkompetenz ist Teil einer breiter angelegten Bildung zu bürgerschaftlichem Engagement und Demokratie. Sie soll beitragen zur Förderung gut informierter Bürgerinnen und Bürger, die „Kontrolle übernehmen“ können, wirkungsvolle Gestalter von Veränderungen werden, rationale Entscheidungen treffen (oft auf der Grundlage von Mediendarstellungen) und umfassend am öffentlichen Leben teilnehmen.
Die Kirchen sind, jedenfalls im Grundsatz, starke Unterstützer der Medienkompetenz, aber wenn man die „bürgerschaftliche“ Dimension ernst nimmt, müssen sich die Förderer von Medienkompetenz auch im politischen Bereich engagieren, auf diesem Gebiet haben die Kirchen jedoch bisher gezögert, sich einzusetzen. Kirchen und christliche Fachleute, die auf den Gebieten Internet und neue Technologien aktiv sind, zum Beispiel als Mitglieder der ECIC, sollten nicht nur mehr tun, um Medienkompetenz als ein Bündel von Fertigkeiten zu fördern, sondern müssen auch mehr tun, um sich selbst und anderen zu helfen, kompetent und daher auch aktiv zu werden in politischen Debatten und Aktionen zur Entwicklung der Informationsgesellschaft.
Es gab zum Beispiel recht wenig Engagement der Kirchen und der christlichen Nichtregierungsorganisationen beim „UN World Summit on the Information Society“ (WSIS), das sich mit dem globalen Problem der digitalen Kluft und einem Weg befasste, wie das Internet tatsächlich auf globaler Ebene kontrolliert und gelenkt werden kann. Unter den Teilnehmenden waren der Heilige Stuhl, der Lutherische Weltbund, SIGNIS und WACC. Die Gründe dafür, dass andere nicht teilgenommen haben, waren vielfältig, und es stimmt, dass das WSIS-Treffen vorab nicht gut bekannt gemacht wurde und dass verschiedene der Themen, die dort diskutiert werden sollten, vielen kaum vertraut waren. Nichtsdestoweniger kamen Organisationen der Zivilgesellschaft während der Konferenz zusammen und verabschiedeten eine Erklärung zur Informationsgesellschaft, die von einigen grundlegenden christlichen Prinzipien beeinflusst war. Die ersten Zeilen der Erklärung lauten:
„Im Zentrum unserer Vision von Informations- und Kommunikationsgesellschaften steht der Mensch. Die Würde und Rechte aller Völker und jedes einzelnen Menschen müssen gefördert, respektiert, geschützt und gestärkt werden. Die Überwindung der nicht zu entschuldigenden Kluft zwischen Entwicklungsniveaus sowie Überfluss und extremer Armut muss deshalb unser wichtigstes Anliegen sein. Wir sind entschlossen, am Aufbau von Informations- und Kommunikationsgesellschaften zu arbeiten, in denen die Menschen im Zentrum stehen, die alle einschließen und die ihnen gleiche Möglichkeiten eröffnen.“ (7)
Die Herausforderung besteht darin, sich besser zu informieren, stärker auf politischem Gebiet zu engagieren und zu einer aktiveren Mitwirkung der Kirche an der Debatte und der Praxis der Nutzung neuer Technologien und ihrer Regulierung im Interesse des Allgemeinwohls beizutragen. Dies ist in besonderer Weise eine Herausforderung für eine Gruppe wie die ECIC, weil sie das größte Wissen und die aktiven Fachleute der Kirchen auf dem Gebiet des Internets zusammenbringt. Bereits 1999 wurde in dem Buch „Cybernauts Awake!“ dazu aufgerufen, sich intensiver an dieser Debatte zu beteiligen. Das gilt auch heute noch. Weil das Internet immer stärker alle Lebensbereiche durchdringt und beherrscht, muss dieser Aufruf zum Handeln mehr denn je gehört werden.
Es gibt eine Reihe grundlegender Themen, auf die ein Medienprogramm, das den Anspruch erhebt, „kritisch“ zu sein, eingehen muss:
Die Gefahr einer „digitalen Kluft“ zwischen den „Informations-Reichen“ und den „Informations-Armen“ wird seit längerer Zeit wahrgenommen. Werden ärmere Teile der Gesellschaft und sogar ganze Gesellschaften im Süden der Welt dadurch gravierend benachteiligt, dass das Internet zu einem immer wichtigeren Instrument für die Bereitstellung von Bildungs-, Wirtschafts- und staatlichen Dienstleistungen wird? Die Kirche besteht darauf, dass „das Recht zu kommunizieren ein Recht für alle ist“ und dass „es die Aufgabe der Kommunikation ist, Menschen zusammenzubringen und ihr Leben zu bereichern und sie nicht zu isolieren und auszubeuten“. (8)
Christinnen und Christen können ganz wesentlich dazu beitragen, dass ärmere Gemeinschaften und Menschen in der „realen Welt“ nicht noch stärker dadurch benachteiligt werden, dass sie aus der „virtuellen Welt“ des Internets ausgeschlossen werden oder nur einen sehr begrenzten Zugang erhalten. Papst Johannes Paul II. hat gesagt: „Wir müssen hoffen, dass die Kluft zwischen denen, die von den neuen Instrumenten der Information und Vermittlung profitieren, und denen, die dazu bislang keinen Zugang haben, nicht zu einer weiteren schwer zu beherrschenden Quelle von Ungleichheit und Diskriminierung wird.“ (9) In Großbritannien hat 2005 eine Untersuchung der Breitband-Nutzung deutlich gemacht, dass das Internet tatsächlich die bestehenden sozio-ökonomischen Unterschiede vergrößert. (10) Christliche Gruppen haben sich vielen anderen Gruppen angeschlossen, und betonen, dass es beim Zugang zu, dem Eigentum an und der Nutzung von Informationstechnologien um die umfassendere Frage der weltweiten Ungleichheiten geht.
Außerdem besteht die Gefahr einer „Gender-Kluft“, weil die Welt der Computer und des Internets von Männern beherrscht wird und eher männliche Interessen und Prioritäten widerspiegelt. Es besteht die Sorge, dass viele Frauen (vor allem solche Frauen, die als Ganztagsmütter tätig sind) es besonders schwer haben werden, eine Computerkompetenz zu erwerben und ihnen damit die Kenntnisse fehlen, die erforderlich sind, um die Möglichkeiten zu nutzen, die durch neue Technologien eröffnet werden. Aber neue Forschungsergebnisse in Großbritannien weisen darauf hin, dass Mädchen auf bestimmten Gebieten eine größere Internetkompetenz erwerben als Jungen! (11)
Auch der Zugang von Menschen mit Behinderungen zu Online-Informationen ist oft eingeschränkt. Einem britischen Bericht aus dem Jahre 2004 ist zu entnehmen, dass 80% der Websites Barrieren für Menschen mit Behinderungen enthalten. (12) Wie viele kirchliche Websites nehmen die Empfehlungen ernst, die in vielen Handbüchern für die Gestaltung von Websites enthalten sind, um zum Beispiel die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderungen zu berücksichtigen?
Ein wichtiger Schritt zur Überwindung der Informationskluft besteht darin, sicherzustellen, dass es angemessene öffentliche Informations- und Bildungsmöglichkeiten auf den neuen Medienplattformen gibt. Es geht aber auch um die Frage, wie viel die Menschen zahlen müssen, um Zugang zu nützlichen Informationen zu erhalten, wenn sie den Zugang zum Internet geschafft haben? Die kommerzielle Ausbeutung des Internets kann zu einer Situation führen, in der wertvolle Informationen nur denen zugänglich sind, die extra dafür zahlen (so wie viele Sportereignisse, die früher kostenlos über frei zugängliche Fernsehkanäle zu empfangen waren, heute nur in Kabel- und Satellitenprogrammen zu sehen sind, für die bezahlt werden muss).
Kommerzielle Rundfunksender und Neue Medien-Firmen in Europa stehen öffentlichen Rundfunkanbietern wie der BBC auch deshalb kritisch gegenüber, weil diese Sender ein großes Informationsangebot kostenlos online bereitstellen. Aber in einer Zeit, in der Informationen zunehmend zu einer Ware, werden, die gekauft und verkauft wird, muss ernsthaft gefragt werden, auf welchen Gebieten Informationen für eine möglichst breite Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen sollen. So, wie es notwendig ist, den Zugang zum Internet zu eröffnen, ist es erforderlich, dass es öffentlich zugängliche Websites im Internet wie diejenigen von öffentlichen Rundfunkanstalten wie BBC gibt, die einem möglichst breiten Kreis von Nutzerinnen und Nutzern Informationen von hoher Qualität kostenlos bereitstellen. Auf diesem Gebiet kann die Kirche viele natürliche Verbündete unter Gruppen wie „Citizens Online“ finden, die am Aufbau eines Internets arbeiten, in dem alle Gemeinschaften und gesellschaftlichen Gruppen (nicht nur die gut gebildete städtische Mittelklasse) die Möglichkeit haben, an den Angeboten der Informationstechnologie teilzuhaben. (13)
Dies sind Themen, bei denen Christinnen und Christen mit Fachkenntnissen auf dem Gebiet der neuen Technologien daran arbeiten können, Bewusstsein zu wecken und in Zusammenarbeit mit vielen Partnern das Problem eines ungleichen Zugangs zu überwinden. Die Stimme der Christinnen und Christen muss auch auf internationaler Ebene in Organisationen wie zum Beispiel der UNESCO zu Gehör gebracht werden. Die UNESCO hat sich zeitweise mit der verwandten Frage beschäftigt, wie Internet-Informationsangebote in verschiedenen Sprachen zugänglich gemacht werden können. (14)
Und schließlich ist es wichtig, die Menschen zu informieren, dass es Alternativen zu Microsoft oder Google gibt. Nutzerinnen und Nutzer müssen besser die Möglichkeiten kennen lernen, Zugang zu unterschiedlichen Providern zu erhalten und deren Angebote zu nutzen, ebenso „open source software“ und andere nichtkommerzielle Alternativen. Das kann vor allem für Menschen wichtig sein, die mit sehr begrenzten Budgets auskommen müssen. Einige Christinnen und Christen haben damit begonnen, über die ethische und theologische Bedeutung der Nutzung von „open source software“ und anderen nicht privatrechtlich geschützten Informationsformaten zu reflektieren. (15)
Eine wachsende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern sieht mit Sorge, welche Anfragen an das bisherige Verständnis von bürgerlichen Freiheiten durch die Art und Weise gestellt werden, in dem das Internet sich entwickelt, und wie Regierungen und Unternehmen, aber auch Kriminelle und Terroristen auf diese Entwicklungen reagieren. In den letzten drei Jahrzehnten ist die Sorge um den Schutz der Privatsphäre und von Daten gewachsen. Diese Sorge ist heute noch ausgeprägter, weil Regierungen die Notwendigkeit betont haben, den Terrorismus zu bekämpfen und hierfür die gesetzlichen Möglichkeiten erweitern zu wollen, den Telekommunikationsbereich und die Nutzung von Internetseiten zu überwachen.
Zu berücksichtigen ist dabei, dass viele Internet-Nutzerinnen und -Nutzer nicht wissen, in welchem Umfang sie sensitive persönliche Informationen durch die Nutzung von Websites oder Diensten wie Google zur Verfügung stellen. Chris Hoofnagle vom „Electronic Privacy Information Center“ sagte, „wenn man etwas zur Seite tritt und sich die ganze Bandbreite der Produkte und ihre Nutzungsmöglichkeiten anschaut, merkt man, dass Google eine Menge persönlicher Informationen über die Internet-Gewohnheiten eines Menschen zur Verfügung stehen: e-mails, frühere Suchanfragen, Bilder, persönliche Information aus dem sozialen Netzwerk Orkut – all dies stellt eine signifikante Bedrohung der Privatsphäre dar“. (16)
Inwieweit dies eine reale Gefahr darstellt, wird noch debattiert, aber Bürger und Konsumenten müssen besser über solche Probleme informiert werden, damit sie zum Beispiel selbst entscheiden können, ob sie „Cookies“ akzeptieren wollen und ob sie bestimmte Suchprogramme von Google oder e-mail-Programme nutzen wollen.
Eine Gruppe wie ECIC könnte einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die Kirchen als Ganze für diese Fragen zu sensibilisieren und sicherzustellen, dass sich Christinnen und Christen an diesen Debatten beteiligen.
Eng verknüpft mit der Frage des Schutzes der Privatsphäre sind die wachsenden Sorgen darüber, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung im Internet eingeschränkt wird. Dies ist im Kern keine neue Debatte, denn der Streit um Zensur und freie Meinungsäußerung hat bereits eine lange Geschichte, aber die Allgegenwart und weltweite Ausbreitung des Internets wirft einige spezifische Probleme auf.
Gegenwärtig diskutieren Regierungen und internationale Körperschaften wie die Europäische Union und der Europarat, wie das öffentliche Interesse an freier Meinungsäußerung in Einklang zu bringen ist mit dem Wunsch, Kinder und gefährdete Erwachsene vor Ausbeutung und Schaden zu bewahren und der Verbreitung von Texten zu begegnen, die Hass säen. Abgesehen von der fortdauernden Diskussion in Europaparlament, Europäischer Kommission und Ministerrat über die Regelungen zum Schutz von Minderjährigen in der EU-Richtlinie zu Audiovisuellen Diensten hat der Europarat eine unabhängige Studie in Auftrag gegeben, in der „die Bedeutung von ‚schädlichen Inhalten’ untersucht wird, um in der Informationsgesellschaft eine Kohärenz beim Schutz von Minderjährigen in allen Medien zu fördern“. Der Europarat will dabei auch die Meinungen und Ansichten der Öffentlichkeit einzubeziehen. (17)
Mit einer weiter gefassten Zielsetzung hat amnesty international kürzlich die Kampagne „irrespressible.info“ ins Leben gerufen, um die Meinungsfreiheit zu schützen und gegen Zensur im Internet zu kämpfen. (18) Nach Einschätzung von amnesty international, „nehmen die Versuche zu, das Internet zu kontrollieren. Internetrepression wird aus Ländern wie China, Vietnam, Tunesien, Iran, Saudi Arabien und Syrien berichtet. Menschen sind bereits dafür angeklagt und inhaftiert worden, dass sie ihre Regierungen kritisiert, Demokratie und größere Pressefreiheit gefordert oder Menschenrechtsverletzung online bekannt gemacht haben.“ Amnesty kritisiert außerdem die Geschäftswelt wie jene IT-Unternehmen, die „dabei geholfen haben, Systeme aufzubauen, die Überwachung und Zensur ermöglichen“. Amnesty verweist darauf, dass Yahoo den chinesischen Behörden private Daten von e-mail-Nutzern zur Verfügung gestellt hat und dass Microsoft und Google zugestimmt haben, chinesische Nutzer ihrer Dienste zu zensieren.
Diese Debatten und Aktivitäten werfen einige grundlegende ethische Fragen auf, und die Kirchen und christlichen Gruppen und ebenso die Einzelnen sollten sich sowohl an diesen Diskussionen beteiligen, als auch aktiv im Kampf gegen Unrecht werden. (Amnesty fordert Unterstützerinnen und Unterstützer dazu auf, Informationsangebote, die zensiert wurden, von Datenbanken direkt auf ihre Websites und in ihre Blogs zu übernehmen.)
Die Kampagne von amnesty international ist eine praktische Folgerung aus vielen der Anliegen, die zur Freiheit der Meinungsäußerung beim „World Summit on the Information Society“ (WSIS) geäußert wurden. Diese Anliegen stehen in enger Verbindung mit den Diskussionen darüber, wie das Internet gelenkt werden sollte. Am Ende verständigte sich das WSIS darauf, die Kontrolle über das Internet in den Händen der in den USA ansässigen „Internet Corporation for Assigned Names and Numbers“ (ICANN) zu belassen. Aber das WSIS stimmte auch darin überein, dass ein neues beratendes „Internet Governance Forum“ eingerichtet werden soll, in dem Regierungen, Unternehmen und Zivilgesellschaft vertreten sein werden. Es wird das erste Mal im November 2006 in Athen zusammentreten.
Vor diesem Treffen lenken amnesty international und andere Menschenrechtsorganisationen die Aufmerksamkeit auf Fragen der freien Meinungsäußerung und des Schutzes der Privatsphäre. Sie wollen, dass alle politischen Entscheidungen zum Internet den Schutz der Menschenrechte berücksichtigen. Sie fordern die Einrichtung einer „Independent Commission on the Information Society and Human Rights“, um „die relevanten Gesetzgebungsprozesse und politischen Entscheidungen zu beobachten und zu beurteilen, damit sicher gestellt wird, dass diese sich in Übereinstimmung mit den internationalen Menschenrechtsstandards befinden“. (19)
Es bildet sich in wachsendem Maß ein Konsens, dass der globale Charakter des Internets und der Charakter der Technologie selbst eine breit angelegte öffentliche Regulierung schwierig, vielleicht sogar unmöglich macht. Man konzentriert sich deshalb auf die Schaffung von Verfahren zur Selbstregulierung, die einige Aussicht auf eine praktische Umsetzung haben. Selbstregulierung hängt von der Bereitschaft der „Information Service Provider“ ab, technischen Zugang zum Internet zu gewähren, Verhaltenskodizes zu verabschieden und durchzusetzen und Websites aus ihren Computern zu entfernen oder den Zugang zu ihnen zu blockieren, die sich nicht in Übereinstimmung mit diesen Normen befinden. Die dunkle Seite der Selbstregulierung ist die Bereitschaft von Unternehmen, unter politischem Druck Selbstzensur zu üben. Es ist deshalb äußerst wichtig, dass die oft eher technischen Debatten über die Internetkontrolle und Regulierung erweitert werden und dass die Konsequenzen aus diesen Diskussionen der Öffentlichkeit vermittelt werden. Es sind wiederum Gruppen wie ECIC, die hierbei eine entscheidende Rolle als Mediatoren spielen können, indem sie diese Themen einer größeren christlichen Gemeinschaft verständlich und zugänglich machen.
Eine der grundlegenden Schwierigkeiten beim Versuch, das Internet zu regulieren, ist der bloße Umfang der verfügbaren Informationen. Und eine entscheidende Frage für die Internetkompetenz ist, wie die Nutzerinnen und Nutzer Wege durch das riesige Informationsangebot finden und feststellen können, welchen Informationsangeboten sie vertrauen können.
Nun ist das Problem nicht neu, wie man Nutzerinnen und Nutzern helfen kann, zwischen Informationsquellen zu unterscheiden, zu denen sie Zugang haben, und zu überprüfen, was als „Tatsache“ dargestellt wird. Aber das Internet macht es für Informationssuchende schwieriger, zu einer Einschätzung der Verlässlichkeit von Informationsanbietern zu gelangen. Auf dem Bildschirm scheinen alle Informationsquellen das gleiche Gewicht und den gleichen Rang zu haben. Der sehr selektive Charakter der Suchprozesse (es werden einige Websites gleichzeitig angeboten und dies oft unabhängig von ihren Inhalten) bedeutet, dass die Website einer Einzelperson mit den Websites sehr viel größerer Organisationen konkurrieren kann. Gut begründete Meinungsbeiträge und abwegige Ideen können den gleichen „virtuellen Raum“ teilen.
Diese Gleichheit und Gleichrangigkeit aller Informationen hat offenkundig einen Nutzen im Blick auf die Informationsfreiheit, aber es besteht der Nachteil, dass es für Nutzerinnen und Nutzer schwieriger ist, die Genauigkeit, Gültigkeit und Vollständigkeit einer angebotenen Information oder den Ruf und die Glaubwürdigkeit der Informationsquelle zu beurteilen. Es ist zum Beispiel für eine Gruppe oder eine Einzelperson leicht, eine Website mit der Bezeichnung „katholisch“ zu versehen und so vorzugeben, „offizielle“ Auffassungen wiederzugeben, selbst wenn die geäußerten Auffassungen äußerst irreführend sind. Noch besorgniserregender sind jene Websites, die Rassismus, Pornografie oder extreme Positionen unter harmlos klingenden Namen feilbieten. Mit all dem sind offenkundig Gefahren für unerfahrene oder leicht zu täuschende Nutzerinnen und Nutzer verbunden.
Hinzu kommt, dass die Struktur des Internets ganz entscheidend durch das Ausmaß bestimmt wird, in dem eine bestimmte Website mit anderen Websites verlinkt ist. Nutzerinnen und Nutzer können eine größere Zahl von „Suchmaschinen“ nutzen, die ihnen helfen, gesuchte Informationen zu finden, aber in wachsendem Maße entscheiden sie sich für lediglich eine einzige: Google. Wie umfassend und unparteiisch diese „Maschine“ ist, wird damit zunehmend wichtiger. Und da das Internet immer stärker von einigen wenigen großen kommerziellen Organisationen beherrscht wird, muss ernsthaft danach gefragt werden, wie Menschen in kompetenter und nicht von Interessen geleiteter Weise durch das vielfältige Informationsangebot geleitet werden können. Es besteht im Internet ein großer Bedarf an „Vermittlern, denen vertraut wird“ (die sich unterscheiden von Google, Microsoft, Yahoo und AOL etc.), und es besteht ein großes öffentliches Interesse daran, solche Einrichtungen zu unterstützen (dies ist wiederum eine Rolle, die von einigen öffentlichen Rundfunkanstalten angestrebt wird).
Viele Medienkompetenz-Programme verwenden viel Zeit darauf, Menschen zu helfen, die Fähigkeiten zu entwickeln, die erforderlich sind, um unterschiedliche Informationsquellen zu suchen, zu vergleichen und die Ergebnisse auszuwerten. Aber es muss auch Zeit dafür aufgewandt werden, den Menschen dabei zu helfen zu verstehen, welche ökonomischen und technologischen Bedingungen die globalen Strukturen derjenigen Datenbanken prägen, zu denen sie Zugang haben.
Schließlich stehen wir vor den Fragen nach der Verbindung der „virtuellen“ Welt des Internet mit der „realen“ Welt der technologischen Entwicklung und der Ausbeutung der Ressourcen, Fragen, auf die zum Beispiel Menschen nach Antworten suchen, die Geräte aus der Computerbranche recyceln. Medienkompetenz-Programme können sensible Nutzerinnen und Nutzer zum Beispiel über die Arbeit einer Organisationen wie Cafod (Catholic Agency for Overseas Development) informieren, die eine „Clean up your computer“-Kampagne begonnen hat, um auf die ungerechten Arbeitsbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern aufmerksam zu machen, die jene Computer herstellen, die wir alle benutzen. (20) Und kürzlich hat Greenpeace auf die Gefahren durch giftige Materialien aufmerksam gemacht, die zu Hunderttausenden in Computer und Mobiltelefone zu finden sind, die auf Mülldeponien landen, verbrannt werden oder – meist illegal – aus Europa, den USA und Japan nach Asien exportiert werden, vor allem nach China. (21) Zu einer kritischen Medienkompetenz gehört es, sich bewusst zu sein, welche Computer- und Neue Medien-Firmen einen guten Ruf im Blick auf Arbeitsbedingungen und Umgang mit toxischen Produkten haben.
Es gibt in allen Gesellschaften und in allen Kirchen mehr und mehr Menschen, die versuchen, das Internet auf fantasievolle Weise zu nutzen. Sie müssen ermutigt werden und können zu Beispielen für andere werden. Das Ziel sollte vor allem darin bestehen, die Möglichkeiten für eine reale Kommunikation und Interaktion von Menschen zu vergrößern. Nur in dem Maße, in dem das Internet ein wirkliches Kommunikationsmedium ist, wird es auch tatsächlich zum Aufbau von Gemeinschaften beitragen. (22)
Wenn die Kirchen diese Ziele verfolgen, sind sie verpflichtet, sich selbst und andere über die weiter reichenden Auswirkungen der Informationsgesellschaften zu informieren. So hat sich zum Beispiel SIGNIS, eine weltweite Organisation katholischer Kommunikatorinnen und Kommunikatoren, verpflichtet, Medienkompetenz-Programme zu entwickeln und zu fördern sowie gleichzeitig intensiv Advocacyarbeit als Teil der umfassenderen Mission für den Aufbau einer Kultur des Friedens durch Medien zu betreiben.
Viele Unterstützerinnen und Unterstützer von Medienkompetenz-Programmen, deren Fokus bisher auf eher traditionellen Medien wie Presse, Film, Radio und Fernsehen liegt, wissen sehr viel weniger über die Welt der neuen Medien und des Internets. Und selbst wenn sie die Technologien beherrschen, besitzen sie kaum eine Sensibilität für die dahinter liegenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen. Kenntnisse und ein Bewusstsein der Bedingungen, unter denen die neuen Technologien produziert und recyclet werden, die Auswirkungen auf die physische und soziale Umwelt, Fragen der Meinungsfreiheit, bürgerlichen Freiheiten und der digitalen Kluft – all das sind Themen, die zu einer kritischen Medienkompetenz gehören. Es sind komplexe und manchmal technisch schwierige Themen, aber diejenigen in den Kirchen, die sich am besten mit den neuen Technologien auskennen, können viel tun, um ihren Mitchristinnen und Mitchristen zu vermitteln, was auf dem Spiel steht, und sie können zusammen mit anderen innerhalb und außerhalb der Kirchen daran arbeiten, dem Cyberspace „eine Vision (zu vermitteln) von der unvergleichlichen Würde der Menschen und ihren unverletzlichen Menschenrechten, und die Vision einer menschlichen Gemeinschaft, deren Mitglieder durch die Tugend der Solidarität miteinander verbunden sind und gemeinsam das Allgemeinwohl zum Ziel haben“. (23)
Anmerkungen:
Zuerst veröffentlicht auf der ECIC website
Dr Jim McDonnell kann per e-mail erreicht werdenl
Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann