Sean Hawkey sprach mit kubanischen Journalistinnen und Journalisten über ihr Leben und ihre Arbeit, über den kubanischen Journalismus, über die US-Blockade und über ihren Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit.
"Moltó"
Antonio Moltó Martorel, den seine Kolleginnen und Kollegen einfach Moltó nennen, ist für „Hablando Claro" („eindeutig sprechen") verantwortlich, ein Programm des nationalen Radiosenders „Radio Rebelde". Es ist ein sehr kritisches Programm und behandelt die internen Herausforderungen, vor denen Kuba steht. Das Programm nimmt die Interessen der Menschen ernst und konfrontiert Regierungseinrichtungen und Funktionäre mit der Kritik der Zuhörerinnen und Zuhörer, um Verbesserungen, Korrekturen und Antworten auf unangenehme Fragen einzufordern.
„Hablando Claro greift die Themen auf, die zu den ‚noch zu perfektionierenden' Aspekten des Lebens in Kuba gehören, wie wir sagen, Dinge, die verbessert werden können und müssen, Dinge, die besser laufen könnten. Wir analysieren und kritisieren, und wir sagen unsere Meinung. Das ist kein Spaß. Das amüsiert nicht. Und es ist keine offizielle Berichterstattung. Ich äußere gegenüber staatlichen Einrichtungen meine persönlichen Auffassungen, und die sind nicht immer schmeichelhaft. Wir sprechen über Fehler, über soziale Probleme. Unser Ziel ist es, die öffentliche Meinung zu Angelegenheiten zu mobilisieren, die nach unserer Auffassung nicht richtig laufen."
„Ich erhalte jeden Monat 200 Brief von Zuhörerinnen und Zuhörern. Das sind Menschen, die Probleme haben, die Dinge oder Dienstleistungen zu erhalten, die sie brauchen, oder deren Beanstandungen unbeantwortet geblieben sind. Wenn die Leute uns schreiben, haben sie meist alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft, ihre Probleme zu lösen. Wir lesen die Briefe sehr genau. Es gibt generell positive Reaktionen auf die Kritik, die wir aufgreifen, auch wenn manche der auf die Kritik Angesprochenen es vorgezogen hätten, wenn diese nicht öffentlich worden wäre. Manche Funktionäre machen den Eindruck, dass sie beunruhigter darüber sind, dass für ein Problem Sendezeit zur Verfügung gestellt wird, als über das Problem selbst! In solchen Fällen geraten wir in Konflikte."
„Es ist ganz entscheidend, die Dinge beim Namen zu nennen. Gestern hatten wir zum Beispiel einen Fall, wo eine Frau mit Behinderungen Anspruch darauf hatte, nach dem Hurrikan Baumaterial und zusätzliche Lebensmittel zu erhalten. Aber einen Teil davon erhielt sie nicht. Dafür waren skrupellose Leute vor Ort verantwortlich, und wir müssen deren Handeln öffentlich machen. Korruption hat negative Auswirkungen auf die Menschen in unserem Land, und wir müssen sie entschieden bestrafen."
„Mir ist nie gesagt worden, dass ich dieses oder jenes tun soll. Meine Arbeit besteht darin, die Menschen zu vertreten, ihnen eine Stimme zu geben. Dagegen hat es Proteste gegeben, aber wir sind der Auffassung, dass die Leute ein Recht haben, dass ihre Beschwerden gehört werden, und die andere Seite hat immer das Recht, sich hierzu zu äußern."
„Solche Programme sind unverzichtbar für ein Land wie das unsere und erlauben die Partizipation der Menschen bei der Weiterentwicklung und dem Aufbau unseres Landes. Auf diese Weise sind wir trotz aller Knappheit und allem äußeren Druck dorthin gekommen, wo wir heute sind."
„Wir sind Objekt einer Aggression, einer permanenten Bombardierung von Rundfunkprogrammen nach Kuba hinein, tausende Stunden Programm pro Woche, in denen den Menschen in Kuba gesagt wird, dass sie sich erheben und das kubanische System angreifen sollen ... Die Absicht ist es, Fidel physisch vernichten zu lassen. TV Marti ist ein Beispiel dafür. Das Programm wurde früher direkt von Washington aus nach Kuba gesendet. Heute wird es in Florida produziert. Diese Kampagne gegen unser Land ist ohne Parallelen. Es ist angemessen, sie als ‚Medien-Terrorismus' zu bezeichnen."
„Es gibt Leute, die wollen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die Kontrolle über unser Land übernehmen ... Ich beharre auf der Auffassung, dass wir unsere Fehler selbst korrigieren sollten. Nur ein ernsthafter Austausch derer, die unsere Gesellschaft aufbauen wollen, wird uns voranbringen."
Moltó arbeitet seit vierzig Jahren im Journalismus. Seine Ausbildung erhielt er bei einem Radiosender, später wurde er Regionaldirektor des Radios in Santiago. Danach wechselte er zum Fernsehen und arbeitete dann neun Jahre lang im Pressebereich. Er gründete die Journalistenschule im Osten des Landes und stand sechs Jahre lang an der Spitze der kubanischen Journalistenunion UPEC. Er ist gegenwärtig Professor für Journalismus in Havanna, aber hat nie aufgehört, als Journalist zu arbeiten. „Jeder Tag ist im Journalismus anders als der vorhergehende", sagt er, „und etwas Neues zu machen ist so, als würde man wieder ganz am Anfang beginnen."
Zenaida Ferrer Martínez
Früher war Zenaida nationale Turnmeisterin. Sie nahm 1980 an den Olympischen Spielen in Moskau teil, allerdings als Journalistin. Um über große Jugendtreffen zu berichten, besuchte sie in den 1980er Jahren mehrfach Moskau und Ostdeutschland. 1980 reiste sie zusammen mit ihrem Mann, der heute als Journalist für das Bohemia-Magazin arbeitet, nach Pyongyang/Nordkorea. Sie arbeitete mehrere Jahre lang als Korrespondentin für lateinamerikanische Nachrichtenagenturen und als Redakteurin der spanischen Version koreanischer Zeitungen und Magazine.
„Ich fand einige der kulturellen Unterschiede, die ich (in anderen Ländern) kennen lernte, sehr schwierig zu verkraften", sagt sie, „besonders die männliche Dominanz über Frauen. Ich fand das schockierend. Hier in Kuba gibt es Gleichheit, zumindest bei den Arbeitsbedingungen und bei der Bezahlung."
Ich habe sie gefragt, ob sie jemals irgendwelche Schwierigkeiten als Journalistin überwinden musste. „Nein", sagt sie selbstbewusst. „Kubanische Frauen haben vermutlich weniger Probleme als Frauen in anderen Ländern. Es gibt mehr Frauen als Männer im Journalismus, der Frauenanteil liegt bei über 65 Prozent."
„Gewiss, wir arbeiten hart zu Hause, waschen, kochen, kümmern uns um die Kinder und sorgen für Männer und alte Menschen, wenn sie krank sind." Sie dreht ein Foto auf ihrem Schreibtisch zu mir um, das sie mit ihren beiden Töchtern zeigt. „Sie wollen wissen, welche Möglichkeiten Frauen auf Kuba haben," sagt sie, „Sehen Sie sich meine Töchter an. Eine ist Schriftstellerin und produziert Radioprogramme zu kulturellen Themen, sie spricht gut Englisch und Französisch, entwickelt Websites, aber ihr Geld verdient sie als Mikrobiologin. Die andere ist Tänzerin. Aber sie ist auch eine intellektuelle Person und arbeitet als Wirtschaftswissenschaftlerin. Beantwortet das Ihre Frage?"
José Aurelio Paz
„In Kuba zu leben bedeutet, in einer Festung zu leben, die unter Beschuss ist. Ich wuchs auf während den (US-Wirtschafts-)Sanktionen. Ich erinnere mich an die Krise in den 1970er Jahre, bevor die UDSSR uns zur Hilfe kam. Ich erinnere mich an die Zeit, als es ein großes Ereignis war, wenn das CDR (Komitee für die Verteidigung der Revolution) ein Paar Schuhe unter den Bewohnern unseres Wohnblocks verloste. An dem Tag, an dem die Blockade gestoppt wurde, hatte ich das Gefühl, dass uns ein schweres Joch von den Schultern genommen wurde."
„Aus einer christlichen Perspektive, und ich bin Christ, wurde es in der Kirche als verdächtig angesehen, aus Überzeugung für die Revolution zu sein. Umgekehrt wurde es als verdächtig angesehen, Revolutionär zu sein und seinen Glauben zu leben. Aber ich mache meine Arbeit ehrlich und ernsthaft, und wenn man dann nicht akzeptiert werden sollte, so wird man wenigstens toleriert."
„Es gibt Spannungen im Blick auf die potenziellen Manipulationen dessen, was wir schreiben. Der Miami Herald ist sehr aggressiv. Sie stürzen sich wie Geier auf alles, was wir äußern, entfernen die tatsächlichen Inhalte und verdrehen alles."
„Die Menschen glauben an uns. Sie hängen davon ab, dass wir ihre Bedürfnisse bekannt machen und ihre Probleme lösen, und das gibt mir die größte Befriedigung."
„Journalistinnen und Journalisten werden hier nicht getötet oder verschwinden, wie das in anderen Ländern der Fall ist. Wenn du hier einen Funktionär kritisierst, werden sie das nicht schätzen, aber sie werden dich nicht töten oder vor Gericht bringen, es sei denn, es handelt sich um eine Verleumdung."
Was ist der Unterschied, frage ich, zwischen einem Dissidenten und einem kritischen Journalisten?
„Dissidenten setzen sich für eine Intervention von außen ein, durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie akzeptieren nicht die Rechtmäßigkeit des Staates. Sie wollen das Ende der Revolution, sie wollen, dass Fidel verschwindet ... Es gibt Fälle wie El Camaján, wo eindeutig bewiesen ist, dass er von der CIA rekrutiert, ausgebildet, angeleitet, ins Land geschleust und bezahlt worden ist."
„Außerhalb Kubas denken die Leute, dass wir hier nichts kritisieren können, aber das ist nicht wahr. Die Medien sind voll von Kritik und Debatten. Die ausländische Presse manipuliert diese Debatte im Lande oft dadurch, dass sie sie als Kritik am System darstellt. Auch wird von der ausländischen Presse gesagt, dass jede Kritik in unserer Presse offiziell sei und deshalb die Spannungen und die Schwächen innerhalb des Systems zum Ausdruck bringe, aber auch das ist nicht wahr."
„Seit vielen Jahren ist die Presse pluralistisch und strebt eine breite und repräsentative Meinungsvielfalt an. Unter Journalistinnen und Journalisten ist jahrelang der Unterschied zwischen Propaganda und Journalismus diskutiert worden. Ist es zum Beispiel Propaganda, wenn gesagt wird, dass es den Kindern bei uns besser geht als anderswo? Wo endet Propaganda, wo beginnt Journalismus?"
„Eine Teilnehmerin dieses Treffens (des Global Communicators Network) hat mich nach dem Sozialismus gefragt und versuchte, mir zu erklären, dass Indien eine perfekte Demokratie besitze. Ich habe sie gefragt, warum dort so viele Kinder sterben, wenn die Demokratie so perfekt ist?
Lisanka – Berta Georgina González Suárez
Lisanka leitet die Informationsabteilung der Zeitung Granma International, die in sechs Sprachen erscheint.
„Unsere Rolle ist es, im Ausland über Kuba zu informieren - unsere Stärken, unsere Kämpfe, unsere Herausforderungen."
„Wir möchten, dass die Menschen unsere Realität verstehen, unsere Werte, die Ziele unserer Arbeit, unsere menschlichen Werte. Wir möchten, dass Lateinamerika enger zusammenarbeitet. In Venezuela arbeiten wir mit darin, dass eine ökonomische Basis entsteht. Wir versuchen, ein gutes Beispiel zu sein, wobei wir unsere Irrtümer anerkennen, ohne triumphalistisch zu sein, aber wir stellen auch unsere Erfolge dar. Es ist nicht einfach. Wir versuchen auch, Bildung zu vermitteln, und wir versuchen, ein Gegengewicht zu Zeitungen wie Miami Herald zu bilden, die bestimmte Interessen vertreten. Nehmen Sie als Beispiel Posada Carriles, ein Terrorist, der in verschiedenen Teilen Lateinamerikas tätig war und nun eine sichere Bleibe in den Vereinigten Staaten gefunden hat. Wir versuchen, den Desinformationskampagnen von Leuten etwas entgegenzustellen, die ihre Zeit damit verbringen, die Wahrheit zu verdrehen."
„Kürzlich ist der Hurrikan Wilma über Kuba hinweggezogen, ohne dass ein einziger Mensch sein Leben verloren hat. Machen Sie sich bewusst, wie gut Kuba auf Katastrophen vorbereitet ist! In anderen Ländern waren die Menschen auf sich allein gestellt. Bei uns ist niemand durch den Hurrikan gestorben. Und werfen Sie einen Blick darauf, was wir in anderen Ländern tun. Unsere Ärzte kümmern sich gegenwärtig um Katastrophenopfer in Kaschmir. Aber ununterbrochen stellen einige Länder unsere Realität falsch dar, damit wir als Bösewichte erscheinen! Betrachten Sie die Operation Miracle, durch die viele tausend Menschen in Venezuela ihr Augenlicht zurückgewonnen haben!"
Lisanka ist Soziologin und schloss ihre Journalistinnenausbildung 1973 ab. Sie war die erste kubanische Kriegsberichterstatterin und berichtete aus Vietnam und Angola. „Inzwischen gibt es alle zwei Jahre ein internationales Treffen von Kriegsberichtserstattern, und ich bin die Vizepräsidentin dieser Organisation. Ihr gehören auch Journalistinnen und Journalisten an, die aus dem Irak und Afghanistan berichten. Bei unserem letzten Treffen haben wir die Familie eines spanischen Journalisten begrüßt, der von US-Streitkräften im Hotel Palestine in Bagdad getötet worden war."
Joel García León
Joel schreibt für Trabajadores (Arbeiter), eine wöchentliche Publikation für Arbeiterinnen und Arbeiter in Kuba mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren und einem Online-Dienst, der täglich 80.000 Besucherinnen und Besucher hat.
„Wir veröffentlichen Geschichten aus dem Leben von Arbeiterinnen und Arbeitern und interessieren uns für ihre Anstrengungen und Opfer. Wir schätzen diese Geschichten hoch ein. Außerdem veröffentlichen wir Beiträge, die zur Bildung und zur Reflexion dienen."
„Im Vergleich zur Presse im Rest der Welt ist unsere Presse eine alternative Presse. Unsere Geschichten werden weiterhin nicht in den weltweit vorherrschenden Massenmedien veröffentlicht, wir haben also alternative Medien. Unser Weltbild ist anders als das anderer Medien."
„Während die Welt sagte, dass der Irak nukleare Waffen hatte, haben wir dies nie gesagt. Der beste Widerstand gegen Fehlinformationen ist die Wahrheit, immer die Wahrheit, das ist unsere Aufgabe: die Wahrheit zu veröffentlichen."
„Unsere Leserinnen und Leser wissen, wie man zwischen den Zeilen liest, und das müssen wir bei der ausländischen Presse tun."
„Kuba besitzt einen Anteil von 20% an TelSur, und dieser Anteil wird durch die Bereitstellung von Fachkräften erbracht. Der Zugang zu Bildung ist bei uns kostenlos und allen offen. Deshalb haben wir viele gut ausgebildete Menschen. Das TelSur-Programm wird eine große Bedeutung haben. Es wird das lateinamerikanische CNN sein. Es wird über eigene Satelliten und eigene Technologie verfügen, aber das Wichtigste ist, was es zu sagen haben wird."
„Wir werden das Interesse der indigenen Völker, der Armen und der Umwelt zur Sprache zu bringen, alles Anliegen, die man bei CNN nicht findet. Gegenwärtig planen wir etwas über die Kultur Haitis und die erste Revolution in Lateinamerika - dazu sieht man nichts bei CNN. Durch TelSur lernen wir einander wirklich kennen."
Ich war 2001 in Afrika, in Äquatorialguinea, dem einzigen spanischsprachigen Land in Afrika. Ich bin dorthin gereist, um über die kubanischen Ärzte zu berichten und sie zu unterstützen (insgesamt arbeiten 30.000 der 60.000 kubanischen Ärztinnen und Ärzte im Ausland). Ich habe über schlimme Zustände berichtet, die es im 21. Jahrhundert nicht geben sollte, und über kubanische Ärzte, die Leben retteten und den Ärmsten der Armen zur Seite standen."
„Ich habe dort auch in Bildungsprogrammen gearbeitet. Es gab in Äquatorialguinea ein Gesetz, das es den Ärzten verbot, Menschen zu sagen, dass sie HIV positiv waren."
„Als ich dort war, gab es eine Invasion ausländischer Unternehmen, die die natürlichen Ressourcen des Landes ausbeuteten und die die Fernseh- und Radiostationen betrieben, um ihre Interessen zu vertreten. Nach meiner Auffassung brauchen die Menschen in Äquatorialguinea und in allen armen Ländern ihre eigenen Medien und sei es nur, um Bildungsprogramme für die Erhaltung der Gesundheit auszustrahlen."
„Ich war in der Dominikanischen Republik, um über die Panamerikanischen Spiele zu berichten. Dort werden Zeitungen gelesen, die mehr über Sport, vor allem US-Baseball, berichten als über nationale Ereignisse. Das ist ein Problem, denn die Menschen wissen nicht, was in ihrem Land vorgeht, sie erkennen die wirklichen Probleme nicht."
(Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann)