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Silvio Waisbord
Die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) sind eines der ambitioniertesten globalen Verpflichtungen, die jemals gemacht wurden für die Verbesserung sozialer Bedingungen besonders für die Menschen, die in aller Welt ausgegrenzt und marginalisiert sind. Die MDGs sind ein Plan, der motivieren, orientieren und inspirieren sowie die Regierungen, fördernden Stellen und Organisationen rechenschaftspflichtig machen soll. Aber welche Rolle kommt dabei Kommunikation zu?
Wie jede Liste, und besonders jede Liste, die auf hoher politischer Ebene beraten und vereinbart wird, ist die Liste der MDGs nicht vollständig. Jeder, der sich für Entwicklungsthemen engagiert, findet mit Sicherheit, dass sie nicht ausreichend sind, um die globale Gemeinschaft in einer kritischen Zeit für zentrale Aufgaben zu mobilisieren. Gewalt trifft nicht nur tagtäglich Millionen Menschen, sondern ist auch für ständige Schwierigkeiten zur Erreichung vieler anderer sozialer Ziele verantwortlich. Trotzdem fehlt die Verminderung von Gewalt unter den MDGs. Größeres Gewicht könnte auch auf die Bereitstellung von sauberem Wasser gelegt werden, denn für ein Drittel der Weltbevölkerung ist dies ein unerreichter Luxus.
Als jemand, der seit 20 Jahren auf dem Gebiet der Entwicklungskommunikation arbeitet, fällt mir verständlicherweise auf, dass Kommunikationsziele unter den MDGs fehlen. Wenn man bedenkt, dass häufig Kommunikations-Adjektive verwendet werden, um unsere informations-saturierten Zeiten zu beschreiben, ist dieses Fehlen der Kommunikation verblüffend. Obwohl die Informations- und Medienindustrie weltweit zu den größten und dynamischen Industriezweigen gehört, Handel und Politik astronomische Summen in „Kommunikation“ investieren und Informations-Netzwerke zum Rückgrat der globalisierten Welt geworden sind, wird Kommunikation bei der Darstellung der MDGs nicht erwähnt. Während jeder zu denken scheint, dass Kommunikation wichtig ist, ist sie offenbar nicht entscheidend genug, um in die Liste der MDGs aufgenommen zu werden.
Darüber hinaus ist dieses Fehlen um so bemerkenswerter, als internationale Organisationen zusammen mit Politikern, Wissenschaftlern, Aktivisten und Medienschaffenden nun schon seit Jahrzehnten die globale Gemeinschaft dazu ermutigt haben, sich für grundlegende Kommunikationsziele wie die Demokratisierung der Kommunikationsinstrumente und den Aufbau und die Bewahrung toleranter und pluralistischer Gesellschaften einzusetzen.
Kommunikation als eine Sammlung von Instrumenten
Das Fehlen unter den MDGs eröffnet die Möglichkeit, über den Stellenwert der Entwicklungs-Kommunikation bei globalen Entscheidungsprozessen nachzudenken. Vielleicht hat die „Kommunikations“-Gemeinschaft keine überzeugenden Argumente vorgebracht, um die Mächtigen davon zu überzeugen, Kommunikationsziele ernst zu nehmen. Wenn das zutreffen sollte, wäre das ironisch, denn entsprechend ihrer professionellen Reputation sollten professionelle Kommunikatorinnen und Kommunikatoren wissen, wie sie für ihr eigenes Themenfeld Advocacyarbeit betreiben können. Es erscheint auch plausibel, dass sie nicht so einflussreich und gut organisiert gewesen sind wie andere Interessengruppen, um die MDG-Tagesordnung zu beeinflussen, oder dass die Entscheidungsträger nicht sensibilisiert genug waren für den Wert der Kommunikationsziele.
Wenn ich auf das Fehlen der Kommunikation unter den MDGs hinweise, geht es mir weder um professionellen Stolz, noch glaube ich, dass die Werte und Ziele unseres Themengebietes ebenso wichtig wie Müttergesundheit oder Bildung für Kinder sind. Ich habe vielmehr eine andere Absicht: die offensichtliche Tatsache herauszustellen, dass Kommunikation, solange sie nicht explizit in der Liste der MDGs vorkommt, implizit darauf verwiesen ist, eine unterstützende, instrumentelle Rolle bei der Verwirklichung anderer Ziele zu übernehmen.
Warum ist das wichtig? Das ist deshalb der Fall, weil, solange die Ziele in Kategorien von Gesundheit, Bildung oder Armutsbekämpfung definiert sind, die Organisationen und Spezialisten auf diesen Gebieten über die angemessenen Strategien, die Verwendung der Ressourcen, die Einstellung von Arbeitskräften und die Programmkomponenten entscheiden. Medienanalytiker wissen nur zu gut, dass die Festlegung der Inhalte von Themen und Problemen auch bedeutet, festzulegen, was diskutiert und welche Lösungen ins Auge gefasst werden.
In gleicher Weise wurde mit die Festlegung bestimmter Indikatoren als MDGs automatisch bestimmt, dass es bei Entwicklung vor allem um die Verbesserung von Gesundheit, Bildung und Gender-Verhältnissen geht. Alle Verfechter anderer Definitionen von Entwicklung (ein fortwährender Diskussionsgegenstand der Kommunikationswissenschaft und anderer Sozialwissenschaften) müssen sich auseinander mit dem vorherrschenden Verständnis, das den MDGs zugrunde liegt. Wenn erst einmal „Entwicklung“ synonym mit bestimmten Indikatoren (z.B. der Prozentsatz von Patienten, die eine vollständige Tuberkulosebehandlung erhalten haben, oder der Prozentsatz von Mädchen, die eine Grundschule abgeschlossen haben) betrachtet wird, müssen andere Definitionen von Entwicklung (von „die Eröffnung neuer Möglichkeiten“ bis zur „Partizipation von Gemeinschaften an der Debatte über und der Gestaltung ihres eigenen Lebens“) auf dieser Grundlage überprüft und angepasst werden.
Eine weitere wichtige Konsequenz ist, dass Institutionen, die besondere Mandate für die Gebiete Gesundheit, Armutsbekämpfung und Bildung haben, einen sehr großen Einfluss auf die Entscheidungen darüber erlangen, wie die MDGs erreicht werden sollen. So werden wahrscheinlich medizinische Ansätze als beste Möglichkeit vorgeschlagen, Ungleichheiten im Zugang zur Gesundheitsversorgung zu überwinden. In ähnlicher Weise werden ökonomische Strategien vorgeschlagen, um die Armut zu überwinden, und so ähnlich wird es auch auf anderen Gebieten sein.
Wo bleibt dann Kommunikation? Von diesem Studien- und Praxisgebiet wird häufiger erwartet, anderen Disziplinen nachzuweisen, worin sein Beitrag zu den MDGs besteht. Wie trägt Kommunikation dazu bei, Ungleichheiten in Gesundheit, Bildung, Gender-Beziehungen und sozio-ökonomischer Entwicklung zu vermindern? Welcher zusätzliche Wert kann in die Programme eingebracht werden, die von Nicht-Kommunikationsexperten erarbeitet wurden? Warum sollten Mediziner, Wirtschaftswissenschaftler oder politische Entscheidungsträger Mittel für Kommunikationsvorhaben zur Verfügung stellen? In einer Welt begrenzter Ressourcen und klarer professioneller Abgrenzungen werden sie eher dazu neigen, Mittel für Programmkomponenten einzusetzen, mit denen sie sich besser auskennen.
Diese Fragen sind sowohl herausfordernd als auch unbequem. Sie fordern Kommunikatorinnen und Kommunikatoren dazu heraus, die praktischen Wirkungen ihres Wissens und ihrer Tätigkeit auf anderen Gebieten nachzuweisen; und sie bringen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren in die unfaire Situation, ihre Verdienste nachzuweisen, während es so scheint, als verfügten alle anderen Disziplinen über eine untadlige Geschichte im Blick auf ihre Effizienz bei Entwicklungsprogrammen. (Wann mussten Medizin und Wirtschaftswissenschaften das letzte Mal einer Jury von Journalisten, Presseanwälten und Führern lokaler Gemeinschaften, die über das Geld verfügten, ihre Beiträge zur Entwicklung nachweisen?)
Eingeschlossen im Informations-Paradigma
Weil in den Konferenzräumen und Fluren, wo die wichtigsten Entscheidungen diskutiert und getroffen werden, Kommunikation meist ein fremdes Gebiet ist, zielen die Argumente über ihren Beitrag meist in Richtung auf bereits bestehende Erwartungen und vorher festgelegte Rollen. Wie wird Kommunikation wahrgenommen? Ohne eindeutige Beweise vorlegen zu können, ist es schwierig, hierauf eine stichhaltige Antwort zu geben, die für alle Fälle und alle Organisationen zutrifft. Alle Generalisierungen werden vermutlich die Nuancen und Ausnahmen übersehen. Aber wenn meine Erfahrungen und zahllose Geschichten, die ich gehört habe, repräsentativ sind, kann man mit gutem Grund sagen, dass Kommunikation primär als eine Sammlung von Werkzeugen zur Verbreitung von Informationen angesehen wird. Kommunikation wird in Verbindung gebracht mit Pressemitteilungen, Broschüren, Postern, Websites und der Gestaltung von Nachrichten, also all dem, was Öffentlichkeitsreferenten tun. Kommunikation wird in Verbindung gebracht mit Informationstechnologien, denen die Leute begegnen und die sie täglich nutzen. In unserer hektischen Zeit der Nachrichten rund um die Uhr, Marken, Publicitytouren, Medienpolitik und Informationstechnologie in praktisch allen Lebensbereichen braucht praktisch niemand in Entwicklungsorganisationen überzeugt zu werden, dass Information wichtig ist. Seit Jahrhunderten haben Wissenschaftler, Philosophen und Essayisten leidenschaftlich diskutiert, welche weit gefasste Bedeutung Kommunikation hat. Sie haben vor der Gefahr gewarnt, das Verständnis von Kommunikation einzuschränken und Kommunikation zu einem Synonym für die Weitergabe, Produktion und Rezeption von Information oder Technologien zu machen. Bei Kommunikation geht es um die potenziell verändernde Kraft des Austausches von Ideen, das Gespräch und die Verhandlungen über eine unendlich große Zahl von gemeinsamen und auch ganz privaten Themen sowie die Teilnahme am öffentlichen Leben. Aber die Vorherrschaft der Vorstellung von „Kommunikation durch Information“ erweckt den Eindruck, dass das umfassende Verständnis ein gegenüber der breiten Öffentlichkeit gut gehütetes Geheimnis bleibt, das in aller Regel im Informations-Paradigma eingeschlossen bleibt.
Die Frage ist nicht, ob wahrgenommen wird, dass Kommunikation einen Beitrag zur Erreichung der MDGs leistet, sondern welche Art von Kommunikation in der Regel erwartet und gefördert wird. Es gibt keinen Mangel an Entwicklungsprogrammen mit Kommunikationskomponenten. Die Erfahrungen mit der Advocacyarbeit für die MDGs sind in dieser Hinsicht besonders erhellend. Von der Lobbyarbeit bis zu Medienkampagnen finden auf unterschiedlichen Ebenen Advocacyinitiativen statt. Bewusstseinsbildungsaktivitäten in Regierungskreisen und bei einflussreichen Teilen der Öffentlichkeit im Norden und im Süden haben das Ziel, das entwicklungspolitische Engagement zu erneuern und die Finanzierung von Entwicklungsprogrammen zu erhöhen. Organisationen setzen sich aktiv dafür ein, zwei zentrale Ziele der Advocacyarbeit zu erreichen. Zum einen wollen sie Aufmerksamkeit für bestimmte Themen wecken (zum Beispiel geschlechtsspezifische Gewalt, dramatische Unterschiede in der Schulabbruchsrate von Jungen und Mädchen, die verheerenden Auswirkungen von AIDS auf Waisenkinder und kleine Kinder). Und zweitens setzen sie sich für bestimmte politische Ziele ein (z.B. den Zugang zu antiretroviralen Medikamenten für Menschen, die mit AIDS leben, die Verabschiedung und Durchsetzung von Gesetzen gegen sexuelle Gewalt, mehr Finanzmittel für Entwicklungsaufgaben und die Einführung neuer Impfstoffe). In der Hoffnung, die öffentliche Debatte und die politische Prioritätensetzung zu beeinflussen, tauschen zahlreiche Journalisten und Medienaktivisten Ideen darüber aus, wie die Berichterstattung über Entwicklungsfragen erweitert und verbessert werden kann.
Diese Aktivitäten beruhen auf dem Gedanken, dass Advocacyarbeit grundlegend wichtig ist, um die Politik zu beeinflussen, damit ein positives Umfeld für Programme zugunsten der Armen entsteht. Ohne eine entsprechende Politik und eine angemessene Finanzierung ist die Verbesserung der sozialen Bedingungen vor Ort sehr viel schwieriger und weniger nachhaltig. Ohne die Einbeziehung der Entscheidungsträger und Meinungsführer ist die Verwirklichung sozialen Wandels in Gemeinschaften äußerst schwierig.
Leider beschränkt sich Advocacyarbeit zu häufig auf den Informationsbereich, weil angenommen wird, dass die Verbreitung von Informationen zu einem Problem oder Programm ausreicht, um Unterstützung zu mobilisieren. Aber Informationen allein werden aller Wahrscheinlichkeit nach aus Akteuren noch keine Aktionen machen, und wenn, dann nur für einen sehr kurzen Zeitraum. Wir brauchen ein nuancenreiches Verständnis davor, wie Entscheidungsprozesse ablaufen und welche Anreize und Belohnungen es für zentrale Teile der Öffentlichkeit gibt, Entwicklungspolitik zu unterstützen.
Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass dann, wenn es um mehr als einmalige Informationsinitiativen geht, vor allem breite Koalitionen an der Basis erforderlich sind, um den Schwung für Entwicklungsaufgaben zu erhalten. Informationsinitiativen mit dem Ziel, öffentlich sichtbar zu werden und die direkt Betroffenen zu informieren,
sind nur eine von vielen Strategien, um Unterstützung zu gewinnen (weitere Strategien sind zum Beispiel Druck auszuüben, Führer für das Anliegen zu gewinnen und die Gemeinschaften zu mobilisieren). Der bemerkenswerte Fortschritt, den die weltweite AIDS-Bewegung in den letzten zwei Jahrzehnten gemacht hat, zeigt, dass erfolgreiche Kommunikation mehr erfordert, als die Produktion von einer Reihe von Broschüren, um politische Entscheidungen zu beeinflussen. Erforderlich sind vielfältige Formen der Kommunikationsarbeit, wofür eine Zusammenarbeit von Medienfachleuten und talentierten Laien erforderlich ist, ebenso eine Vielfalt von Medienformen, die Gewinnung von prominenten Persönlichkeiten und von „anonymen“ Vorkämpfern, die Stärkung von Menschen, die mit AIDS leben, die Stärkung von Netzwerken auf lokaler Ebene etc.
Nur dann kann bei der Advocacyarbeit vermieden werden, in eine Wiederholung altbekannter Dinge und ein Springen von einem zum nächsten Thema auf der Entwicklungstagesordnung zu verfallen, wobei Zeiten mit hoher Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit mit Zeiten abwechseln, wo man aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist. Solange Entwicklungsinitiativen schwach verwurzelt in den Gruppen der direkt Betroffenen und auf lokaler Ebene sind, werden Informationskampagnen „Eintagsfliegen“ bleiben, von denen absehbar ist, dass sie durch andere Prioritäten und andere Programmangebote abgelöst werden.
Die Grenzen des Informations-Paradigmas zeigen sich auch in Informationsprogrammen, die das Ziel haben, das Wissen, die Einstellungen und das praktische Verhalten lokaler Gemeinschaften zu beeinflussen. Es besteht kein Mangel an „Kommunikations“-Materialien, mit denen das Ziel verfolgt wird, das Wissen zu einer Vielzahl von Themen zu verbessern. Man denke nur an Materialien zur Gesundheitsbildung, etwa die Programme zur Förderung oraler Rehydrationssalze, zum Stillen von Babies statt Flaschenfütterung, von Impfungen und von Geburten unter Mitwirkung von fachlich ausgebildetem Gesundheitspersonal. Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass angemessen entwickelte und vermittelte Empfehlungen wirksam dazu beitragen können, Wissen und Verständnis für die Vorteile eines idealen Verhaltens zu erhöhen. Solange die institutionellen und logistischen Hindernisse auf dem Weg zur Umsetzung dieser Einsichten gering sind (z.B. die Entfernung von der nächsten Klinik, die Möglichkeit zwischen verschiedenen Gesundheitsangeboten zu wählen sowie die Verfügbarkeit von Gesundheitspersonal und Ärzten, die Vertrauen genießen), können solche Botschaften tatsächlich wirksam ein gesundheitsförderliches Handeln bewirken.
Aber die Verbreitung von Empfehlungen ist nicht die einzige Methode, mit der Kommunikation wirksam Entwicklungsinitiativen unterstützen kann. Wenn andere Faktoren als lediglich ein Informationsmangel die Menschen davon abhält, sich in wichtigen Fragen anders zu verhalten, sollte ein anderer Fokus gewählt werden. Dafür einige wenige Beispiele. Obwohl herausgefunden wurde, dass die drohende Stigmatisierung die Menschen davon abhält, sich rechtzeitig um eine Tuberkulose-Diagnose zu bemühen, werden weiterhin konventionelle Aktivitäten durchgeführt, die darin bestehen, Informationen über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten zu verbreiten, so als würde dies die Menschen zum Handeln veranlassen. Wenn Eltern entscheiden, ihre Töchter aus den Schulen zu nehmen und es dafür eine Vielzahl von Gründen gibt (z.B. die Unterbewertung der Bedeutung von Mädchenerziehung oder die Angst der Mädchen vor sexueller Gewalt auf dem Weg zur Schule oder in der Schule), sollte man erwarten, dass Kommunikation mehr leistet, als lediglich den Menschen zu sagen: „Schickt Eure Töchter in die Schule“. Wenn Frauen, die Kleinkredite erhalten haben, der Gewalt von Verwandten und Partnern ausgesetzt sind (die das Geld an sich bringen wollen), wäre es absurd zu erwarten, dass Informationen zur Verfügbarkeit von Krediten die Kreditprogramme zu praktikablen Möglichkeiten für die Frauen machen werden.
Diese Beispiele zeigen, dass viele Entwicklungsherausforderungen mehr beinhalten als den Mangel an Wissen oder die Beseitigung von Fehlinformationen. Nur wenn Probleme und Lösungen gründlich untersucht werden, kann der potenzielle Beitrag der Kommunikation besser bestimmt werden.
Ebenso gilt, dass dann, wenn Kommunikationsprogramme vor der Aufgabe stehen, Einstellungen und soziale Normen zu verändern, die Herausforderungen komplex sind. Mit ihnen ist ein Bündel ethischer Fragen verbunden, welche Rolle Kommunikation im kulturellen Wandel übernehmen kann (etwa: Wer entscheidet? Welche Werte sollten unterstützt werden? Wie lassen sich Ideale, die sich im Rahmen der MDGs herausgebildet haben, mit lokalen Überzeugungen in Einklang bringen?).
Abgesehen von diesen ethischen Fragen zu Kommunikationsinterventionen (ein Thema, das eine eigene Diskussion erfordert, um ihm gerecht zu werden) ist es mein wichtigstes Ziel, darauf aufmerksam zu machen, wie unzureichend die konventionellen Informationsansätze sind, wenn es gilt, mit tief verwurzelten sozialen Normen und kulturellen Überzeugungen umzugehen. Typische Botschaften, die Vorzüge alternativen praktischen Handelns verkündenen, sind schwerlich geeignet, Veränderungen zu bewirken. Wenn es um die Veränderung von Verhaltensweisen wie sexueller Gewalt oder Methoden der Geburtshilfe geht, um Entscheidungen über die Größe von Familien, die Nutzung von mit Insektiziden behandelten Moskitonetzen oder die Verwendung knapper Gelder für die Gesundheitsversorgung von Mitgliedern des Haushalts, dann reicht es nicht aus, strategisch ausgerichtete Botschaften zu verbreiten. Hinter solchen Verhaltensweisen und Entscheidungen stehen komplexe Machtstrukturen, Gender-Rollen und religiöse Überzeugungen. Nur ein tiefes Verständnis davon, wie soziale Normen in einer Gemeinschaft bewahrt werden und sich verändern, bietet eine Orientierung für die Beantwortung der Frage, welche Kommunikationsansätze angemessen sind.
Programme zur Verhinderung der Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen liefern ein wertvolles Beispiel dafür, welche Beiträge Kommunikation leisten kann. „Die Leute sollten dazu bewegt werden, darüber zu sprechen“, das ist unverzichtbar für eine Bewusstseinsbildung, eine Analyse der Situation und ihrer Ursachen, das Erkennen der Gründe, die zum Widerstand gegen die Aufgabe dieser Praxis führen, und ebenso für die Einbeziehung von Führern, die Ermutigung von Menschen, die bisher kein Gehör fanden, sowie die Diskussion von Handlungsmöglichkeiten. Hierzu können Kommunikationsmöglichkeiten von lokalen Versammlungen bis zu Radioprogrammen beitragen.
Dieser Prozess hilf nicht nur, den Menschen vor Ort das Bewusstsein zu geben, dass sie es sind, die das Sagen haben (eine Voraussetzung dafür, dass globale Initiativen langfristig „Bodenhaftung“ erhalten), sondern er eröffnet auch eine Möglichkeit für Gemeinschaften, sensitive kulturelle Themen und Prozesse zu diskutieren, die der Genitalverstümmelung zugrunde liegen: sexuelle Initiation und „Übergangsriten“, Wahrnehmung der Rolle junger Mädchen, Heiratsnormen sowie die Netzwerke von Familienabhängigkeiten.
In gleicher Weise zeigen neue Erfahrungen von Polio-Kampagnen, dass der Beitrag der Kommunikation weit über die Verbreitung von Informationsbotschaften hinausgeht. Erst als politische Führer in Nordnigeria entschieden, die Kampagnen zu stoppen, weil Zweifel und Gerüchte aufkamen über die Sicherheit der Impfungen und die Intentionen des Polio-Bekämpfungsprogramms und als sich Familien in einigen Bundesstaaten in Nordindien gegen die Impfteams zur Wehr setzten und eine Impfung verweigerten, erkannten die Partner in der globalen Polio-Kampagne, dass eine andere Form der Kommunikation mit der betroffenen Bevölkerung erforderlich war. Es reichte nicht aus, die Impftermine und -orte durch lokale Medien bekannt zu machen. Auf diese Weise konnte nicht auf Befürchtungen der Menschen eingegangen und ein weit verbreitetes Misstrauen gegenüber Programmen überwunden werden, die von oben herab geplant werden. Es war notwendig, die lokalen Gemeinschaften in einen Dialog über die geplante Impfaktion einzubeziehen, deren Bedürfnisse wahrzunehmen, über die Zusammensetzung der Impfteams zu sprechen etc.
Dass Kommunikation eine Rolle bei den globalen Anstrengungen spielt, die MDGs zu erreichen, steht außer Zweifel. Entwicklungseinrichtungen mit vielfältigen Mandaten (Gesundheit, Armutsbekämpfung, nachhaltige Wirtschaftsweise, Umweltschutz) zählen üblicherweise auf die eine oder andere Kommunikationsexpertise. Oft wird nur die Expertise angefragt, die nötig ist, um Informationsaufgaben wie das Verfassen von Pressemitteilungen oder das Entwerfen von Medien für Kampagnen wahrzunehmen. Solche Vorhaben sind oft notwendig und können wirksam dazu beitragen, grundlegende Informationen zu verbreiten, die Menschen helfen, besser informiert Entscheidungen zu treffen. Aber wenn es um Antworten auf einige der schwierigsten Entwicklungsfragen geht, wird ein anderer Ansatz benötigt. Gesundheitsexperten kommen häufig nicht von sich aus zur Erkenntnis, dass Mütter es vorziehen, Kinder zu Hause zur Welt zu bringen, weil sie keine Informationen über Kliniken haben. Auch nehmen sie oft nicht wahr, dass Malaria täglich Tausende tötet, weil lokalen Gemeinschaften nicht bewusst ist, dass Moskitos töten. Bildungsexperten führen die hohe Abbruchrate des Schulbesuchs auf viele Faktoren zurück, aber oft nicht darauf, dass Familien der potenzielle Nutzen von Schulbildung nicht bewusst ist.
Von einem erschreckend schlechten Zustand der Infrastruktur bis zur anhaltenden Unfähigkeit von Staaten, Dienstleistungen bereitzustellen und der Straßengewalt Herr zu werden gibt es eine Vielzahl von Problemen, die sehr große Hindernisse auf dem Weg zur Verwirklichung der MDGs bis 2015 darstellen. Aber selten ist bei solchen Diagnosen im Blick, dass das Bestehen einer Informationskluft ein wichtiger Faktor für miserable Gesundheits- und Bildungsverhältnisse ist. Von den Kommunikatorinnen und Kommunikatoren wird nichtsdestoweniger erwartet, dass sie Informationsbotschaften vermitteln. Konsequenterweise werden Interventionen und Botschaften oft als Möglichkeiten angesehen, Entwicklungswünsche zu formulieren („Lassen Sie Ihr Kind impfen“, „Beenden Sie sexuelle Gewalt“, „Lassen Sie sich auf HIV testen“). Seltener geht es darum, Gemeinschaften die Möglichkeiten zu geben, Probleme und Lösung zu identifizieren. Sich von der Realität zu idealen Bedingungen und Verhaltensweisen zu bewegen, erfordert mehr als die Bekanntmachung, dass die MDGs möglichst erreicht werden sollten.
Nachhaltige Entwicklung erfordert Interventionen, die eingehen auf Anliegen, Überlebensstrategien, wahrgenommene Risiken, Informationsbedarf und kulturelle Ausdrucksformen der Menschen. Kommunikation kann hierzu viel beitragen. Um den möglichen Beitrag zu maximieren, ist es notwendig, die Grenzen „magischer“ Informations-Lösungen mental zu erkennen und gleichzeitig den großen Beitrag der Kommunikation sowohl auf analytischem Gebiet als auch in der Programmarbeit wahrzunehmen.
Silvio Waisbord (PhD) ist Senior Program Officer an der Academy for Educational Development, Washington D.C., einer unabhängigen, gemeinnützigen Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, beizutragen zur Lösung kritischer sozialer Probleme und zur Förderung der Möglichkeiten von Individuen, Gemeinschaften und Organisationen in aller Welt, einen höheren Grad von Selbstständigkeit zu erreichen.
Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann
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